Ohren auf

Die Dialekte der musikalischen Moderne

Sammelkritik

Lexikon | Carsten Fastner | aus FALTER 42/10 vom 20.10.2010

Mit Richard Wagner wurde er einst weltberühmt, für Zeitgenössisches ist er ohnehin einer der besten, aber am wohlsten fühlt sich Pierre Boulez als Dirigent ganz offenbar in jener janusköpfigen Epoche um die vorletzte Jahrhundertwende, die aus der Romantik in die Moderne aufbrach.

Polyglott bewegt er sich in den musikalischen Dialekten dieser Epochensprache, zwischen der flirrenden Klanglichkeit des französischen Impressionismus, der atonalen Poesie der Wiener Schule, der rhapsodischen Wucht der russischen Moderne.

Mit seinen 85 Jahren hat sich Boulez nun ein weiteres Idiom erobert: Erstmals dirigiert er Musik von Karol Szymanowski (1882-1937), die 3. Sinfonie und das 1. Violinkonzert (beide 1916) - zwei dunkel schillernde Großerzählungen des Polen, die Anklänge an Debussy und Schreker ebenso erkennen lassen wie an Strawinsky und Skrjabin. Der raffinierten Vielschichtigkeit nähern sich Boulez und die Wiener Philharmoniker weniger analytisch denn geradezu metaphysisch, mit großem Bedacht auf klangliche Ausgewogenheit (DG).

Atemberaubend eloquenter Solist im Violinkonzert ist Christian Tetzlaff - auch er ein Musiker mit hoher Affinität zur Jahrhundertwende. Mit seinem Tetzlaff Quartett legt er eine so ungewöhnliche wie erhellende Gegenüberstellung zweier Dialekte der Moderne vor: die vor 1910 entstandenen Streichquartette von Arnold Schönberg und Jean Sibelius (AvI).

Pierre Boulez wiederum hat neben seinem Szymanowski-Debüt auch noch Zeit gefunden, ein 15 Jahre altes Großprojekt abzuschließen: Sein Zyklus der Sinfonien von Gustav Mahler ist nunmehr komplett, mit dem Cleveland Orchestra hat er das "Adagio" der unvollendeten "Zehnten" eingespielt, dazu "Des Knaben Wunderhorn" mit Magdalena Ko¾ená und Christian Gerhaher (DG).

Auch Magdalena Ko¾ená ist polyglott. Mit Arien des italienischen Frühbarock kehrt die aus der Originalklangpraxis kommende Mezzosopranistin auf "Lettere amorose" (DG) wieder einmal in ihre musikalische Muttersprache zurück.


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