Kommentar

Die hässliche neue Welt der schadstofffreien Saubermänner

Totalitarismus

Falter & Meinung | Klaus Nüchtern | aus FALTER 42/10 vom 20.10.2010

Wer Visionen hat, braucht einen Arzt", lautet ein Bonmot, das wahlweise Helmut Schmidt oder Franz Vranitzky zugeschrieben wurde und auf das der Philosoph Rudolf Burger Urheberrechtsansprüche angemeldet hat. Geht es nach den Visionen des maltesischen EU-Kommissars John Dalli (zuständig für Gesundheit und Verbraucherschutz), brauchen wir in Zukunft weniger Ärzte, die sich mit den Schäden des Tabakkonsums befassen, denn, so Dalli: "Das Ideal ist ein rauchfreies Europa."

Nun ist die Ausweitung rauchfreier Zonen fraglos zu begrüßen - aus gesundheitlichen, sozialen und olfaktorischen Gründen. Aber selbst wer wenig geneigt ist, das Recht auf Selbstzerstörung als Grundparadigma individueller Freiheit zu betrachten, dem kann der Puri(tani)smus einer Bevormundung im Namen der Volksgesundheit und Folgekostenvermeidung kalte Schauer über den Rücken jagen. Die Raucheraquarien auf den Flughäfen verheimlichen ihren Zweck - ihre Insassen als verachtenswerte Suchtopfer möglichst erniedrigend zur Schau zu stellen - schon gar nicht mehr. Als vordergründige säkularisierte Form der Todsünde (zwischen Wollust und Völlerei) ist die Sucht zum Fetisch von Fundamentalisten schadstofffreier Selbstoptimierung geworden. Dass keine Kultur ohne Rauschmittel auskommt und dass eine diesseitige Gemeinschaft ohne diese nur totalitär sein kann, wird von den Visionären der Sauberkeit verdrängt. Verbiestert basteln sie an ihrer schönen neuen Welt, in der keine Zigarettenpackung abstoßend genug sein kann - weswegen Herr Dalli allen Ernstes weitere vereinheitlichte Verhässlichung fordert. Wie wär's mit Autos in Form fahrender Särge und der Aufschrift: "Es kann Ihre letzte Ausfahrt sein!"?

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