Selbstversuch

Blaue Kontaktlinsen, das könnte vielleicht gehen

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 42/10 vom 20.10.2010

Zwei Leser kündigten nach meiner letzten Kolumne ihre Abos: Der eine meinte, die FPÖ-Wähler seien eben keineswegs alles Trotteln, sondern eine "marginalisierte Arbeiterschicht", die Angst habe vor dem weiteren Abstieg und zu einfachen Antworten tendiere, "da sie sich anscheinend sonst von niemandem der anderen Parteien ernst genommen" fühle. Der andere begründete es so, dass er sich am Wahlabend das Gleiche gedacht habe, aber das dann auch so lesen zu müssen, sei untragbar. Auf meine Verwunderung, das sei nun das erste Mal, dass einer sein Abo kündige, weil ich genau das geschrieben habe, was er sich denkt, meinte er: Er wolle in der Zeitung eben keinen Reflex, sondern Reflexion. Unbenommen.

Nicht, dass man gescheite Reflexion nicht eh von 200 Kommentatoren in 200 Kommentaren lesen könnte: Aber offenbar sollen alle Journalisten zumindest so tun, als hätten sie einen ununterbrochen analytischen und distanzierten Blick auf das Welt- und Politikgeschehen um sie herum. Frage: Hat es sich bewährt? Und: Wem dient es genau? Weil von der "marginalisierten Arbeiterschicht" mit den Großbildfernsehern in den leistbaren Gemeindebauwohnungen mit den Gratiskindergärten und dem funktionierenden Sozial- und Gesundheitswesen wissen es eh die meisten. Und den anderen hat man schon mehr als einmal haarklein erklärt, warum nicht die "Ausländer" schuld sind. Und dass es ihnen schadete, wenn man jeden aus dem Land schmeißen würde, der nicht so lebt und spricht, wie sie es gerne hätten. Ja, man soll ruhig die Wiener SPÖ und die Bundesregierung für eine teilweise verblödete Stadtentwicklungs- und Bildungspolitik, die halt unter anderem zu 95-prozentigen Ausländeranteilen in den Schulen führt, kritisieren und nicht wählen: Aber ersatzweise dann einem nachzurennen, der kein anderes Programm hat als Ausländerhetze und Islampanik, das ist, es tut mir leid, vertrottelt.

Und es haben ja tatsächlich viele Strache deshalb gewählt, weil er so fesch ist und so schöne Augen hat. Wie analysiert und reflektiert man das? Welche Strategien lassen sich daraus für die anderen Parteien ableiten? Nur noch fesche, discotaugliche Kandidaten mit ganz, ganz schlichten Botschaften nominieren? Blaue Kontaktlinsen für Häupl, Marek und Vassilakou? Einfach sich auf einen breiten Verzicht auf jegliche ernsthafte politische Vision einigen?

Wien, ganz Österreich, ist vermutlich einfach so konstituiert, dass immer ungefähr ein Viertel der Leute deppert wählen. Das ist einfach so. Und das bleibt auch so, egal wie tief man denen in den Arsch kriecht. Die anderen drei Viertel sollten das einfach akzeptieren - und vor allem die, die von den drei Vierteln gewählt werden. Und aufhören, sich von dem anderen Viertel durch den Wind jagen zu lassen und panisch Kinder abzuschieben und so Scheiß. Sie sind da, wir auch; ein ganz normales Land.


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