Fragen Sie Frau Andrea

Grausbirnen, das saure Ogrosl und Krusebeeren

Kolumnen | aus FALTER 42/10 vom 20.10.2010

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

eine Kindheit im Waldviertel kann den Wortschatz ungemein bereichern und regt die Fantasie an. Dennoch haben meine Schwester und ich nie wirklich verstanden, was meine Mutter meinte, wenn sie uns sagte, dass ihr gleich die Grausbirnen aufsteigen. Meine Schwester stellte sich dann immer eine leuchtende Glühbirne über dem Kopf meiner Mutter vor, ich hingegen unreifes, schwebendes, grünes Obst. Aber um welche Sorte Birne handelt es sich nun wirklich bei der Grausbirne?

Herzlichst,

Amira Ben Saoud aus Mariahilf

Liebe Amira,

Österreicher, denen die sprichwörtlichen Grausbirnen aufsteigen, befinden sich im Zustand akuten Ärgerns. In roher Wut können sich Grausbirnen auch aufstellen. Das Bild von den grausigen Birnen ist volksetymologisch verzerrt, denn bei den Grausbirnen handelt es sich nicht um Birnen, sondern um Beeren, und beim Grausen nicht um Abscheu, sondern um Krausheit, Stacheligkeit. Sind die Grausbirnen doch eigentlich Krausbeeren, Krauselbeeren.

Heute kennen wir den Kaktus unter den Gartenbeeren als Stachelbeere, lateinisch Ribes uva-crispa oder Ribes grossularia. Im botanischen Namen schwingt die Verwandtschaft mit den Ribiseln mit. In einigen Gegenden hieß die haarige Frucht wegen der grünen Beeren auch Grünzel, in Bayern Eiterbotzen, Aiterputzen - von dem alten Ausdruck aiten, stechen, brennen, und von Botze, Batzen, Putzen, einer großen Beere.

Das Bild der "aufsteigenden" ist mit einiger Wahrscheinlichkeit eine Verballhornung der "sich aufstellenden" Birne (Beere), genauer gesagt der stacheligen Härchen der Stachelbeere, und es beschreibt das Gefühl einer Gänsehaut. In Österreich ist die krause Frucht auch als Ogrosl oder Ågråsl bekannt. Das "Grazer Kochbuch" von 1688 kennt sie als Agriß, Agreß und Agreßbeerl.

Der Ausdruck kommt nicht vom abgrasen, abgraseln, sondern über das mittelhochdeutsche agraz (saure Brühe) und das romanische agresta von lateinisch acer, sauer. Hier schließt sich unser Kreis wieder, denn die "aufsteigenden Grausbirnen" ließen sich durchaus auch als jener psychodynamische Effekt deuten, den wir empfinden, wenn uns etwas "sauer aufstößt".


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