Kritik

Wahrheitsfindung mit Kohle und Radiergummi

Lexikon | aus FALTER 43/10 vom 27.10.2010

Er zeichnet mit Kohle, filmt das Bild, radiert aus, zeichnet um, filmt wieder: Der charakteristische Stil seiner Animationsfilme hat dem südafrikanischen Künstler William Kentridge in den 90er-Jahren den Durchbruch in der internationalen Kunstszene gebracht. Die Albertina widmet dem Künstler nun eine umfangreiche Schau, die Filme, Zeichnungen, Drucke, Theatermodelle, Skulpturen und Bücher umfasst. Den Hintergrund mehrerer Arbeiten von Kentridge bildet die Auseinandersetzung mit der Geschichte seiner Heimat, deren koloniale Vergangenheit bis heute virulente Prozesse der Wahrheitsfindung und Versöhnung nach sich zieht. So kreist etwa der Zeichentrickfilm "Ubu Tells the Truth", der auf dem Theaterstück "König Ubu" basiert, um die Anhörungen der Truth and Reconciliation Commission, die seit 1995 die verheerenden Auswirkungen der Apartheid aufarbeitet.

Soho Eckstein und Felix Teitlebaum heißen die wiederkehrenden fiktionalen Gestalten, ein Industrieller und ein Alter Ego des 1955 geborenen Künstlers, die gesellschaftliche Haltungen im Südafrika von heute widerspiegeln. Sie spielen die Hauptrolle in den neun kurzen Animationsfilmen mit dem unprätentiösen Titel "9 Drawings for Projection". Zu Beginn seiner Laufbahn hat Kentridge auch Schauspiel und Theater studiert. Aus seinem seither nicht abreißenden Interesse für die darstellenden Künste ist das Projekt zu Mozarts "Zauberflöte" zu sehen, für das Theatermodelle, Filme und Zeichnungen entstanden sind. Ein anderer Ausstellungsabschnitt widmet sich der Installation, die zu Schostakowitschs Oper "Die Nase" entstanden ist. Aber der Künstler schlägt auch ruhige, selbstreflexive Töne an, wenn er in dem Abschnitt "Parcours d'Atelier" intime Einblicke in sein Atelier gibt und über den eigenen Schaffensprozess meditiert. NS

Albertina, bis 30.1.


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