Stadtrand

Der Dauerauftrag. Eine Allerheiligengeschichte

Urbanismuskolumne

Stadtleben | Joseph Gepp | aus FALTER 43/10 vom 27.10.2010

Okay, wir müssen ja nicht gleich bibelfest werden und die Geschichte von Jesus und den Tempelkaufleuten erzählen. Aber was am Zentralfriedhof passiert, ist nicht lustig. Dort stehen Keiler beim Haupttor und zocken im Namen der Krebshilfe alte Frauen ab. Die stehen am Weg zum Familiengrab irdischen Belangen sowieso eher indifferent gegenüber. Je dementer, desto besser, lautet also die Devise. Münzen nehmen wir keine, das Leiden krebskranker Kinder muss Ihnen schon fünf Euro wert sein. Oder Sie unterschreiben gleich einen Dauerauftrag. Zweifellos machen die Friedhofskeiler ein besseres Geschäft als ihre Pendants am Schottentor oder Schwedenplatz. Bleibt trotzdem zu hoffen, dass das den Kollegen nicht als Ansporn dient. Denn die Idee wäre ausbaufähig: Insassen von Hospizen wären zum Beispiel ein lohnendes Publikum, sie sind bei finanziellen Dingen eher gleichgültig. Oder Angehörige von Kranken in Spitälern. In diesem Fall sollte man allerdings beachten, dass es sich nicht um Eltern krebskranker Kinder handelt. Sonst wäre die Optik gar unschön.


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