Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 43/10 vom 27.10.2010

Das Leben ist ein strahlender Kassensaal

Selten oder nie war der Titel dieser Kolumne passender denn als Kommentar zur Rettung der chilenischen Kumpel, die über 60 Tage eingeschlossen waren, was relativ eindeutig als Arbeitszeit zu rechnen ist, die entweder abzugelten oder - im Einverständnis zwischen Arbeitgeber und -nehmern - als Freizeit zu konsumieren ist. So wäre das im österreichischen Arbeitsrecht, das im Geiste des sozialen Ausgleichs formuliert wurde und uns, verglichen mit südamerikanischen Bedingungen, wie ein strahlend leuchtender Vergnügungspark vorkommen muss. Es ist schließlich immer der Vergleich, der als Grundlage für Bewertungen dient, das wissen auch die Architekten der neuen Volksbank im Finanzzentrum Graz West in Straßgang: Der Windfang ist bewusst eng und dunkel gehalten und steht damit in einem krassen Gegensatz zum hellen, weiten Kassensaal, der dadurch noch strahlender und größer erscheint. Und tatsächlich: Die Kassenhalle ist wie eine Extrawurstsemmel nach einem Termin beim Finanzamt, ein Quickie nach einer langen Nebelwanderung, ein Frühlingserwachen aus einem dunklen Traum, der ja auch nur die Funktion hat, dass man sich danach über das Aufwachen freut. Weil man zum Beispiel das Gefühl hatte, stranguliert zu werden, was auf reale Kontrollverlustängste hinweist. Vergleichen wir Graz mit Wien, müssen wir uns auch glücklich schätzen, denn die Wiener haben laut ihrer ersten Bezirks-Vorsteherin ganz real "oft das Gefühl, stranguliert zu werden".

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten


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