Phettbergs Predigtdienst

Warmer Apfelstrudel am Friedhof der Namenlosen

Kolumnen | aus FALTER 43/10 vom 27.10.2010

Hermes Phettberg führt seit 1991 durch das Kirchenjahr

NAC-HI aus Retz holte mich ab und wir fuhren zum Friedhof der Namenlosen. Ohne Kurt Palm wär es eh der "meine" geworden. Ich bin also am Friedhof der Namenlosen zu Recht. NAC-HI hatte mir einen total gesunden und extrem guten "Retzer" Apfelstrudel gebacken, der kühlte noch aus. An den Stufen hinunter zum Friedhof der Namenlosen hat NAC-HI ihn mir, also uns beiden, serviert. Und dazu eine Flasche Vöslauer halbprickelnd! Als NAC-HI und ich uns an dem Apfelstrudel labten, kam mir der Gedanke, ich würde gerne hier meine "ewige Ruhe" nehmen. Mein lebenslanges Nie-liiert-gewesen-Sein, das wär ein idealer Vorlass, lieber Helmut Neundlinger von der Nationalbibliothek!

NAC-HI hielt mich an den Händen, und so gingen wir in Andacht an den circa 100 Grabstätten vorbei. Vermutlich hatten sich viele umgebracht und sind deshalb in die Donau gesprungen? Die Polizei von Hainburg hat emsigst die aus der Donau herausgefischten Leichen erforscht. An einem der Stahlkruzifixe stand der Name eines in der Donau Gefundenen, Wilhelm Grabner, mit verblühten dunkelroten Rosenknospen. Anzeigenswürdig riss ich die kleinste der Knospen mir ab und hab nun die Knospe besitzwütig daheim! Wenn das jedes täte? Mein Leben war eh immer reziprok ...

NAC-HI hatte noch mit dem "Messner" und "Leichenwärter" Josef Fuchs gesprochen. Immer am Sonntag nach Allerseelen wird in der Kapelle des Friedhofs eine Messe gelesen vom Fischerverein an der Donau. Jetzt ist die Anlage mit großgewachsenen Ulmen umzingelt, doch am Sonntag nach Allerseelen ist dann alles kahl. Die Arbeiter der Schwechater Brauerei gelobten, solange es sie gibt, auf den Friedhof zu achten. Josef Fuchs, in den 90er-Jahren verstorben, war Gärtner des Friedhofs, nun betreut ihn sein Sohn.

Für einen Gelähmten wie mich war es eine große Leistung, mich in das "alpine" Gebiet zu schleppen. Unendlichen Dank für dieses Geschenk, herzlieber NAC-HI! Noch jetzt kühlt der Apfelstrudel aus. Der gestrige Tag war größte Labung.

Das Göttliche der Mail-Idee ist ja das http! Hypertext Transfer Protokoll. Mit jedem "meiner" Protokolle fällt mir das Sterben wohliger. Mit einem Klick kann das Protokoll in alle Welt ge-flaschen-postet werden.

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