Kritik

Damals, als alles noch besser aussah

Lexikon | aus FALTER 44/10 vom 03.11.2010

Manche Menschen sammeln Krawatten aus den 40er-Jahren. Wieder andere richten sich gleich in einer vergangenen Epoche ein. Das amerikanische Künstlerpaar McDermott & McGough, das derzeit im Kunsthalle project space ausstellt, begnügt sich nicht mit dem Tragen von Leinenanzügen und alten Strohhüten, sondern predigt eine stilistische umfassende Rückkehr in die Vergangenheit. "I've seen the future and I am not going" lautet das schmissige Motto von David McDermott, der in Dublin den Traum einer Rückkehr in das 19. Jahrhundert lebt. The Great Gatsby meets Oscar Wilde: Die aktuelle Ausstellung zeigt größtenteils Fotografien von dem altmodischen Domizil "26 Sandymount Avenue" sowie romantische Landschaftsaufnahmen mit den Künstlern.

Freilich wurde auch für diese Bilderserien nicht einfach die Digitalkamera gezückt. Bei den Aufnahmen von Nippes, ausgestopften Tieren und Kleiderschränken handelt es sich um Cyanotypien, ein fotografisches Edeldruckverfahren von 1840. Die Blautönung verleiht den Bildern eine zusätzlich entrückt-nostalgische Note, wie sie auch die Fotografien des Piktoralismus dominierte. Neben diesen Arbeiten haben die Künstler Vitrinen mit allerhand Tand von Oma und Opa, alten Fotos von jungen Männern und sich selbst als Dandys befüllt.

Die Künstlerexistenz als Inhalt des Werks: Wer könnte das besser als die Briten Gilbert & George mit ihren Performances und Fotoarbeiten, bei denen sie als "lebende Skulpturen" auftraten. Das Interesse an der Vergangenheit von McDermott & McGough beschränkt sich dagegen rein auf die Ästhetik, was sich in einer fetischistischen Imitation vermeintlich schönerer Zeiten erschöpft. NS

Kunsthalle project space, bis 5.12.


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