Neu im Kino

Deutsche Science-Fiction: "Die kommenden Tage"

Lexikon | Maya Mckechneay | aus FALTER 44/10 vom 03.11.2010

Wenn sich das deutsche Kino an die Science-Fiction wagt, treibt das Genre oft seltsame Blüten. Man denke nur an Peter Fleischmann und seine grandios gescheiterte Ausstattungsorgie "Es ist nicht leicht ein Gott zu sein" von 1990. Während dieser im dritten Jahrtausend ein neues Mittelalter mit langhaarigen Recken in Flattermänteln heraufbeschwor, bleibt Regisseur Lars Kraume in raumzeitlicher Nähe: Sein Film "Die kommenden Tage" startet in der Jetztzeit und zeichnet die Chronik einer Berliner Industriellenfamilie fort bis ins Jahr 2020.

Interessanter als der Liebes- und Eifersuchtsplot um die Schwestern Cecilia (Johanna Wokalek) und Laura Kuper (Bernadette Heerwagen) und deren Sehnsuchtsobjekte Daniel Brühl und August Diehl ist dabei der politische Background. Kraume entwirft das erschreckend realistische Bild eines herandämmernden Dritten Weltkriegs. Es geht um Asiens Ölquellen und Europas Vormachtstellung. An gigantischen Metallmauern versuchen Schweizer Grenzpatrouillen Armut und Chaos draußen zu halten. Doch die Abschottung hat ihren Preis: Als Laura in einem halbleeren Supermarkt das gammlige Obst untersucht, klaut ihr eine Jungmutter die letzte Milch aus dem Wagerl. Derweil werden spaßistisch gestimmte Flashmobs zu Lynchmobs, wenn sie den saudischen Botschafter durch die müllübersäten Straßen hetzen.

"Die kommenden Tage" mischt gekonnt, was nicht zusammenzugehen scheint: Die poppolitische Geste von "Die fetten Jahre sind vorbei", die gezeichnete Endzeitstimmung von Hanekes "Wolfzeit" und den Alt-neu-Clash der "Blade Runner"-Sets. Und am Ende wird radikal aufgeräumt mit unser aller Kinderglauben, dass man immer noch abhauen kann, wenn's hart auf hart kommt. Die moderne Katastrophe findet dich überall.

Ab Fr in den Kinos


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