Theater Kritik

Die Revolution frei nach Johann Nestroy

Steiermark | Hermann Götz | aus FALTER 44/10 vom 03.11.2010

Die in Luzern geborene Christina Rast ist am Grazer Schauspielhaus ja bereits seit der ersten Badora-Saison bekannt, wo ihre Regie auch gegenüber einer Andrej-Stasiuk-Uraufführung wenig Skrupel erkennen ließ. Dass ihr frei nach "Freiheit in Krähwinkel" interpretierter Nestroy bestimmt nicht weniger, ähhh, "experimentell" ausfallen würde als einst der ziemlich zerrissene "Zerrissene" von Christine Eder (07/08), war klar. Dass eingefleischte Nestroyaner verzweifeln würden, ebenfalls.

Dabei kann man der Regie weder vorwerfen, dass der Spaß zu kurz käme, noch dass sie den Kryptorevoluzzer Nestroy nicht verstanden hätte. Rast zeigt eine Slapstick-Version des 1848 uraufgeführten Textes, die Schritt für Schritt zur Revolutions-Revue gerät, um schließlich als sehr heutige pseudopolitische Diskurskarikatur zu enden.

Unter Berücksichtigung der exquisiten Ingredienzien dieser Produktion ist es aber doch überraschend, wie durchwachsen sich das Ergebnis präsentiert. Da ist die verspielte Theatermusik von Bo Wiget, die nicht nur live, sondern auch virtuos dargeboten wird. Unter anderem von der großartigen Maria Serafin am Cello. Da ist die todkomische Ausstattung von Franziska Rast oder das gelungene Video von Katharina Buschek und Julia Laggner. Und da ist Michael Ostrowski als programmierte Idealbesetzung für die Hauptrolle.

Rast gelingt es nicht, die dramatischen Zutaten in einen zwingenden Rhythmus zu bringen, dem Slapstick fehlt es an Tempo und Biss und ihren "Stargast" unterfordert die Regie, indem sie seine Rolle vorwiegend auf groß angelegte Selbstironisierung beschränkt. Dass er auch ein wunderbarer Schauspieler ist, kann Ostrowski nur in homöopathischen Dosen zeigen. Schon schade!

Schauspielhaus Graz, Di, Mi 19.30


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige