Enthusiasmuskolumne

Big in Vienna ist gerade groß genug

Diesmal: Das beste Wiener Filmfestival der Welt der Woche

Feuilleton | Michael Omasta | aus FALTER 44/10 vom 03.11.2010

Offiziell zählt die Viennale sicher nicht zu den wichtigsten Filmfestivals. Gegenüber den wirklich großen internationalen Veranstaltungen dieser Art indes kann sie mehrere Vorteile für sich verbuchen: Sie ist nicht Geschäftstreffen, sondern Publikumsfestival, die Programmierung darf mangels Wettbewerbs die Qualität vor arbiträre Kriterien à la Uraufführungsstatus stellen und - last, but not least - findet die Viennale zur freundlichsten Nebensaison direkt vor der Haustüre statt.

Man kommt als geübter Kinogeher bei der Viennale auf seine Kosten, auch wenn man am gesellschaftlichen Rundum keinerlei Anteil hat. Das Wiener Festival ist mittlerweile groß und arriviert genug, um international bedeutende Regisseure wie Olivier Assayas oder Mike Leigh anzuziehen - und im Unterschied zu Cannes oder Berlin gerade auch noch intim genug, dass man führende Cineasten vom Kaliber eines Apichatpong Weerasethakul, den diesjährigen Cannes-Preisträger, im Foyer des Gartenbaukinos auf einen kurzen Tratsch treffen kann. Kurz und gut, die Viennale ist wie ein kleiner Urlaub zwischendurch - selbst für unsereins, die sich halt immer auch noch Arbeit in den Urlaub mitnehmen.

Die beiden für mich wichtigsten Ergänzungen zum internationalen Programm, mit dem die Viennale einen qualifizierten Querschnitt durch das aktuelle "Weltkino" zu geben versucht, waren das Günter Peter Straschek gewidmete Special rund um die äußerst rare Wiederaufführung seiner Mitte der 70er-Jahre produzierten Fernsehdoku "Filmemigration aus Nazideutschland" sowie eine Diskussionsveranstaltung über die Zukunft der heimischen Programmkinos angesichts der unkontrolliert fortschreitenden Digitalisierung des Mediums Film.

"Schluss mit halblustig" lautete das Motto der mehr schlecht als recht besuchten und von Direktor Hans Hurch höchstselbst moderierten Runde in der Viennale-Zentrale auf dem Badeschiff: Es herrscht akuter Handlungsbedarf.


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