Selbstversuch

Das mach ich, wenn ich dann mal jünger bin

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 44/10 vom 03.11.2010

Ich bin dann nicht mehr mit ins Berghain. Ich saß in der Paris-Bar und sagte, nein, ins Berghain geh ich nicht, auf keinen Fall gehe ich ins Berghain, auch nicht mit euch schönsten Männern von Berlin, und auch nicht, wenn ich mit euch direkt an der Schlange vorbeigockeln darf. Ich bin zu alt fürs Berghain. Ich bin zu müde fürs Berghain. Das Berghain ist für jüngere und weniger müde Menschen oder für Menschen, die gerne koksen, für mich ist das Berghain heute nichts. Nächstes Mal, nächstes Mal gehe ich dann sicher einmal mit ins Berghain, doch, nächstes Mal, ganz bestimmt, wenn ich wieder jünger und fitter bin, so jung und fit wie Mitzi und Polly, die gingen nämlich mit.

Es war dann gut, dass ich nicht mehr ins Berghain ging, sondern irgendwann nach zwei Uhr direkt von der Paris-Bar ins Bett fiel, weil um viertel vor sechs läutete das Telefon. Die Nachbarin. Das bin ich gewohnt, weil ich immer vergesse, der Nachbarin zu sagen, dass die Mimis an dem und dem Tag wegen Auswärtsübernachtung nicht ihren Buben abholen, um mit ihm gemeinsam in die Schule zu gehen. Oder die Mimis sind einfach nur elend spät dran, was immer exakt dann passiert, wenn ich eine durchzechte Nacht im Ausland verbringe und ausschlafen könnte. Die Nachbarin wartet in so einem Fall zehn Minuten und ruft dann an, wo die Mädels bleiben. Ich sage dann: Ich bin im Ausland und darf ausschlafen, ruf den Langen an. Aber es war, das wurde mir selbst in meiner schädelsprengenden Restfettn klar, für so einen Anruf zu früh. Und zu Samstag. Keine Schule am Samstag, kein Schulweg. Also was??? Das: Der Lange war krank geworden und ins Spital gefahren, jetzt sei eh alles in Ordnung, aber. Aber: Ich buchte um und flog bei nächster Gelegenheit heim. Und ja, es geht dem Langen gut, aber danke, ich richte es ihm aus.

Dass ich früher zurückfliegen musste, war insofern auch gut, als ich es dadurch vermied, Joachim Lottmann zu treffen, das ist eine lange, aufwühlende Geschichte, die ich denen, die's interessiert, dann im nächsten Band von "Moderne Nerven" erzähle (im Frühjahr bei Czernin). Das Problem ist, dass es sonst über das Wochenende nicht viel zu berichten gibt, weil das mit der Anstrengung, Joachim Lottmann zu treffen bzw. zu vermeiden, praktisch ausgefüllt war. Und mit dem Bemühen, nicht ins Berghain zu müssen. Nein, das stimmt so nicht, ich habe Sachen nicht nur vermieden, sondern auch gemacht, also, wenn man es als Tätigkeit betrachten mag, in verschiedenen Lokalen so viel zu konsumieren, dass man hinterher für jede Sorte von Kultur leider doch zu fertig ist und sich gerade noch vom Galao in irgendeinen Kleiderladen und zurück schleppen kann, um dort zu besprechen, wie man und wo man jetzt Lottmann treffen oder ausweichen könnte.

Das erste bekannte Gesicht, das wir in Berlin sehen, war übrigens das von Marlene Streeruwitz. Deshalb fährt man also dahin, aha.


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