Ohren auf?

Botschaften aus den Archiven des Austropunk

Sammelkritik

Lexikon | Gerhard Stöger | aus FALTER 45/10 vom 10.11.2010

Seltsam, aber schön: 2010 wird zum Jahr der großen Austropunkaufarbeitung. Das Label Klanggalerie nahm sich im Frühjahr mit der Doppel-CD "Neonbeats" des lokalen Postpunktreibens an; jetzt folgen zwei neue Vinylsampler. "Es Chaos is die Botschaft! Es Wurschtln es! 2" (Luziprak; Kontakt: magrutschalex@hotmail.com) ist der handlichere der beiden. Zusammengestellt und mit kompakten Liner-Notes vom Wiener Sammler und Austropunkprivatgelehrten Alexander Magrutsch versehen, er versammelt 16 österreichische Acts der Jahre 1978 bis 1984, stilistische Reinheitsgebote werden dankenswerterweise ignoriert.

Einige einschlägig bekannte Bands wie Willi Warma und Hotel Morphila Orchester stehen neben Vergessenem und teils auch von Kennern nie Gehörtem wie Scooter (sic!) aus Wiener Neustadt, dem elektronischen One-Single-Wonder Killroy, den Protopunks Cadillac, den Powerpoppern Excalibur oder der Grazer Spaßtruppe ÖMÖ. Das klingt durchwegs charmant - und vielfach auch 30 Jahre danach noch sehr gut.

"De guade oide Zeit" (Panza-Platte, Kontakt: panza@gmx.li) kommt um einiges räudiger daher. Es ist eine vor allem mit unveröffentlichten Liveaufnahmen von insgesamt 41 Acts von anno dazumal bestückte Dreifach-LP, der zum Drüberstreuen noch eine Doppel-DVD und ein umfangreiches Heft beiliegen. Martin Biro alias Panza, eine Schlüsselfigur der frühen Wiener Punkszene, hat dieses Monsterprojekt in unsubventionierter Privatinitiative umgesetzt.

"Einerseits war's gar net so guat, andrerseits war alles viel freier", schreibt Biro und präsentiert die unterschiedlichsten Ausformungen dieser künstlerischen Freiheit in Wort und Bild. Die Geschichten zu jedem einzelnen Stück werden gnadenlos subjektiv, aber ohne verklärende Nostalgie erzählt. Anlass war Biros Unzufriedenheit mit der oberflächlichen Darstellung der Wiener Punkszene in der Kunsthallen-Ausstellung "No one is innocent", für die man angesichts dieses eindrucksvollen Samplers noch nachträglich geradezu dankbar sein muss.


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