Theater Kritik

Binders Liebestod am dramagraz

Steiermark | Hermann Götz | aus FALTER 45/10 vom 10.11.2010

Adam und Olivia lieben sich. Aber es liegt ein Schatten der Unmöglichkeit über dieser Liebe. Sie sind Geschwister. In seinem neuen Stück "Die Flucht der Wolken vor der Archivierung" widmet sich Ernst M. Binder erneut der Suche nach dem Absoluten. Diesmal in der Liebe. Telenovela am dramagraz? Mitnichten. Dass Binder an die Unmöglichkeit seines Stoffes keine Sekunde der Ironisierung verschwendet, ist - je nach Geschmack - eine Stärke oder Schwäche dieser Produktion. Mutig ist es allemal. Ohne Umwege übersetzt Binder "Romeo und Julia" oder "Tristan und Isolde" ins Heute. Das Inzestverbot ist dabei ein letztes Tabu, in dessen Überwindung sich die Liebe überhöht. Zugleich ist es ein Topos verbotener Wahrhaftigkeit, den schon Thomas Mann mit Blick auf Wagners Siegmund und Sieglinde - Siegfrieds Eltern - literarisch veredelt hat. Dass die Sehnsucht nach wahrer Liebe, von der Binders "Roadmovie" als einer Suche auf der Flucht erzählt, zum Menschsein gehört wie die Schuld, unterstreicht der Name Adam. Erlösung verspricht Olivia, die sich Binder wohl nicht nur deshalb von Shakespeares "Was ihr wollt" geborgt hat, weil sie dort sieben Jahre um ihren Bruder trauert. Olivia bedeutet "Ölzweig": ein Bild der Hoffnung nach dem Ende der Welt.

Kann ein Stoff, der so sehr mythisch aufgeladen ist, noch funktionieren? Regisseur Binder überlässt die Bühne und seine beiden starken Darsteller Ninja Reichert und Werner Halbedl ganz dem Autor Binder und dessen verdichteter Poesie. Alles steht und fällt mit der Sprache, weiß er. Nicht nur sein Stück, auch die Liebe lebt von den Worten, die wir finden. Binders Text ist ein Versuch, den Himmel zu erschreiben. Kein Drachentöter wird aus Adams und Olivias Liebe geboren, sondern ein Wörtchen, das die beiden für ihren Liebestod in die Wolken schreiben.

dramagraz, Fr, Sa, Mi, Do 20.00


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