Dem Synchrontanz an der Stange folgt in "Somewhere" eine Staubfahne - und zwar eine ziemlich lange

Feuilleton | aus FALTER 45/10 vom 10.11.2010

Filmverriss: Klaus Nüchtern

Filme über die Filmwelt sind nicht gerade das unheikelste Genre der Welt. Manche Regisseure - man denke an Woody Allens "Stardust Memories" oder "Barton Fink" der Coen Brothers - verdanken ihm einige ihrer unerträglichsten Arbeiten, aber selbst der Höhenkamm der Filmfilme zwischen "Sunset Boulevard", "The Bad and the Beautiful", "8½" oder "La nuit américaine" ist ein schmaler Grat. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass Filmmenschen in Filmen über Filmmenschen einfach nerven - und das nur in "Singin' in the Rain" uneingeschränkt lustig ist.

Wäre Sofia Coppolas vierter abendfüllender Spielfilm "Somewhere" nur zehn Minuten lang, zählte er zu den besten und lustigsten Repräsentanten dieses Genres aus jüngster Zeit. Wie der Schauspieler Johnny Marco (Stephen Dorff) in seinem schwarzen Ferrari im Kreis und bei an- und abschwellendem Ton dabei immer wieder durchs und aus dem Bild fährt, hat etwas von der archaischen Eindrücklichkeit des frühen Kinos: ein einziges "Fort-Da" der Cinematografie. Und wenn zwei spärlich bekleidete Synchrontänzerinnen Marco buchstäblich in den Schlaf tanzen, um hernach ihre Stangen abzubauen und mit ihrem Arbeitsgerät dessen Hotelzimmer verlassen, ist das ziemlich komisch.

Leider ist die Autoszene symbolisch (im Kreis fahren!), und leider geht der Film nach der Stangentanznummer noch 88 Minuten weiter: Marco ist matt, Marco ist müde, Marco trinkt zu viel, hat bedeutungslosen Sex, liebt dafür aber seine elfjährige Tochter Cleo (Elle Fanning). Die sentimentale Tünche eines aparten Ennui, den man in "Lost in Translation" noch mit Romantik verwechseln mochte, ist hier endlich ab und hinterlässt bloß eine Staubfahne sowie eine Frage, die als eins der größten Mysterien des Jahres 2010 in die Annalen eingehen wird: Warum um alles in der Welt wurde dieser ödbärige Film über einen Ödbären in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet?


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