Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 45/10 vom 10.11.2010

Was vom Tage übrig blieb, Teil 29 (Naturzeit)

Erst nachdem festgestellt wurde, dass der "Huchen zum großen Teil" heimisch ist in der Mur, gilt er als so richtig schützenswert. Wäre er nur irgendeine nicht autochtone Mutation, wäre das was anderes. Die Natur an sich ist nämlich chronisch überbewertet, obwohl sie sich immer wieder als fehlerhaft und bockig erweist. Es ist zum Beispiel immer noch nicht zu ihr durchgedrungen, dass es auch im Winter keine Nahrungsmittelknappheit gibt und es deswegen relativ egal ist, wann die Kinder auf die Welt kommen. Unbeirrt wird die Testosteronproduktion jedes Jahr im Herbst auf ein Minimum zurückgefahren, alles wird automatisch ganz langsam, und es werden entsprechende Modetrends erfunden, zum Beispiel Slow Sex. Hartberg ist stolze Trägerin des Slow-City-Zertifikats, und Graz hätte da mittlerweile auch eine reale Chance. Die Stadt ist so langsam, dass der Freezemob, den die extrem umtriebige Grazer Mobgemeinde vorige Woche inszeniert hatte, null reale Wirkung entfalten konnte. Schnell geht es nur im Krankenhaus, aber das muss es auch manchmal, zum Beispiel wenn man sich aus Versehen beide Hoden abtrennt, wie es einem Oberkärntner jetzt passiert ist. Die müssen dann innerhalb von sechs Stunden wieder angenäht werden, wenn die Spermienproduktion weiterlaufen soll wie bisher. Fürs Rettung-Holen, Ins-Krankenhaus-Fahren, Vorbereitung und OP ist das eine recht kurze Zeit, während es für einen Brunch mit Freunden, die auch Kinder dabei haben, eindeutig zu lang ist.

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten


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