Selbstversuch

So will ich leben, hier will ich sein

Kolumnen | Doris Knecht?? | aus FALTER 45/10 vom 10.11.2010

Ich war auf der Präsentation von Ingo Pertramers großartigem Fotoband "Arbeit" (Metro-Verlag), und danach gingen die meisten noch ins Dings. Und dort saß ich am Tisch und trank meinen Spritzer und dachte mir: Ja. Genau so will ich leben. Mit genau solchen Irren will ich sein. Deshalb bin ich hier. Der Raum war voll mit Künstlern, Autoren, Filme- und Büchermachern, Fotografen, DJs, Theatermenschen, Musikern ... fahrendes Volk halt (halt: Ein paar Zahnärzte waren auch da).

Um eins ging ich nach Hause, um dann fünf oder acht Tage lang jeden Abend zu Hause zu sein, in der Wohnung herumzukramurln, Tee zu trinken, mit den Kindern Hühnersuppe zu kochen und Muffins zu backen, Rafael Horzon und Edward St. Aubyn zu lesen, vor dem Fernseher einzuschlafen und zu wissen: Genau so will ich leben und genau hier will ich jetzt sein. Was für ein Privileg.

In den Postings zu einer Geschichte, die der Lange über die Keith-Richards-Autobiografie geschrieben hatte, las ich, dass so was nur einer schreiben könne, der selbst ein extrem ereignisloses Leben führe. Und wenn der Lange ein ereignisloses Leben führt, tue ich das ja auch. Und ich dachte: Aha, so schaut ein ereignisloses Leben also aus, sehr fein. Weil, was ist das, ein ereignisloses Leben? Wie lässt sich das definieren, ereignislos? Und ist es ein existenzieller Offenbarungseid, wenn man sich über eine gewisse Ereignislosigkeit freut? Und wie leben die Leute, die solche Postings schreiben, was ist in ihrem Leben ein Ereignis? Wenn sie jemanden aus dem Schutz der Anonymität heraus so richtig beleidigen können? Der Lange sagt, ihm ist's wurscht, wenn er da zur Sau gemacht wird, weil wenn die ihre Wut an ihm auslassen, hauen die ersatzweise vielleicht zu Hause die Frau und die Kinder nicht, und damit hat es schon etwas Gutes. Ja. So kann man es auch sehen; dass das virtuelle Ereignis das reale auf eine für alle profitable Weise ersetzt.

Apropos irreal: Danke, ORF, dass ich mir jetzt jede Woche "Helden von morgen" ansehen darf, die Mimis bestehen darauf. Wobei das irgendwie besser auszuhalten ist, als es "Starmania" war, wahrscheinlich bin ich von der permanenten Ereignislosigkeit in meinem Leben schon total abgestumpft. Aber nicht abgestumpft genug, dass es mich nicht aufregen würde, wenn einer Kandidatin wiederholt vorgeworfen wird, sie zeige zu wenig Sex und müsse quasi die Sexgöttin in sich entdecken. Himmel, das Mädel ist 17! Geht's noch?

Immerhin passt da die Durex-Gel-Werbung zwischen den beiden Blöcken sehr schön dazu. Die Mimis: Warum schauen diese Frauen so komisch? Außerdem haben sie durch "Helden von morgen" ein neues Lieblingslied, das sie jetzt hochfrequent zum Vortrag bringen und auch in der Schule vorsingen wollen: "Fuck you, fuck you very very mahahahahatsch...". Thank you, ORF, thank you, very yery much.


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