Kritik

Mit V wie Franzobel: hysterische Posse

Lexikon | aus FALTER 46/10 vom 17.11.2010

Mit etwas Verspätung hat die Bankenkrise nun auch das Schauspielhaus erreicht, und das kam so: Im Haus an der Ecke Kolingasse/Liechtensteinstraße, wo die Volksbank unlängst ihre neue Zentrale errichtete, lebte von 1878 bis 1881 Bertha Pappenheim, die als einer der ersten Psychiatriefälle ("Anna O.") in die Medizingeschichte einging. Aus gegebenem Anlass gab das Bankinstitut bei Franzobel ein Theaterstück zum Thema in Auftrag, und das Schauspielhaus kam günstig zu einer Uraufführung. "Die Pappenheimer oder Das O der Anna O." heißt das Werk, in dem Vielschreiber Franzobel die Geschichte der Hysterikerin in eine Kriminalposse mit Gesang verpackt: Ein Bankdirektor (Vincent Glander), dessen Sekretärin (Veronika Glatzner) und der Nachtwächter (Ingo Tomi) treiben sich nachts im Tresorraum der Volksbankzentrale herum, wo sie dem Geist der Bertha Pappenheim (Nicola Kirsch) begegnen.

Ohne den Volksbank-Deal wäre ein schlampiges Stück wie dieses wohl nicht im Schauspielhaus gelandet. Dass sich der Imageschaden für das Haus in Grenzen hält, liegt an Jan-Christoph Gockels weitgehend unpeinlicher Inszenierung, für die die Seiten gewechselt werden: Gespielt wird auf einem Podest im Zuschauerraum und auf dem Balkon, während die Zuschauer auf der Bühne Platz nehmen. Gockel und sein Ensemble (darunter auch der herrlich beflissene Moderator Matthias Schweiger) versuchen gar nicht, die "Gespenstervolkssonate" besser zu machen, als sie ist, sondern nehmen das Stück genau so locker, wie es geschrieben wurde. Interessanterweise funktioniert das ganz gut, in den Pappenheimszenen kommt sogar so etwas wie Atmosphäre auf. Franzobel ist ja kein schlechter Autor. Er sollte nur etwas weniger schreiben und sich dabei etwas mehr antun. WK

Schauspielhaus, Sa, So, Di 20.00


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