Vor 20 Jahren im Falter??

Wie wir wurden, was wir waren

Falter & Meinung | aus FALTER 46/10 vom 17.11.2010

Bin im Wasser

Vom historisch Großen sollte man ab und zu den Blick aufs Detail wenden: Kleine Serien pflasterten den Falter der 90er-Jahre, um nicht zu sagen, sie pflasterten ihn zu; so schlimm war es nur im verunklärten Rückblick manches Dabeigewesenen. Immerhin liefen auf Seite 10 von Ausgabe 46/1990 gleichzeitig eine Serie der weltweit fotografierten Pinguine Joe und Sally des Willy Puchner (diesmal: Paris) und eine mit Wiener Fundstücken des Filmemachers Peter Tscherkassky - Titel: "Tscherkasskys Zettelwerk" (diesmal ein rätselhafter Zettel mit dem Text: "Bin im Wasser").

Auch nicht schlecht: ein Veranstaltungsbericht von Birgit Kellner über eine Wiener Vorlesung zum Thema Erotik und Politik, mit Günter Nenning und Slavoj ®i¾ek (!), mit dabei offenbar auch zahlreiches, vom ersten Teil des Titels angelocktes Publikum, von Kellner ironisch als "Gatten und -innen" bezeichnet. "Der Saal war groß und ziemlich voll mit - was Wunder - gemischtem Auditorium. Subtile Philosophiestudenten gesellten sich mit ihren sublimen Lehrkräften zu subsidiären Gatten und -innen, die den Freitagabend zum philosophischen Wochenendausflug nutzten."

Caspar Einem, damals noch Stadtentwicklungsexperte der Arbeiterkammer, berichtete "aus den Städten Amerikas": "Warum Wien nicht Chicago werden darf". Sein Resümee: "Beim Abendessen vorauseilende Gedanken an Wien. Wenn ich aus dieser Reise eine Lehre ziehen kann, dann die, dass man den Fehler, die Wohnungsfrage dem Markt zu überantworten, nicht machen darf. Vor allem, weil dieser Fehler nicht mehr wiedergutzumachen ist. Das Problem der entwurzelten Leute in den Städten, das Problem der Slums in den großen Städten ist bestenfalls in 30 Jahren wieder zu beheben - aber bloß, wenn in dieser Zeit konsequent und durchgängig daran gearbeitet wird. Und selbst dann ist es nicht sehr wahrscheinlich."

Ah, da, Seite 16: schon wieder Kleinserie. Fotoporträts von Friedl Kubelka-Bondy, diesmal der Filmer Jack Smith. AT


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