Enthusiasmuskolumne?

Thank You for the Music, Sir Elton!

Diesmal: Der beste Kitschtopf der Welt der Woche

Feuilleton | Gerhard Stöger | aus FALTER 46/10 vom 17.11.2010

Elton John, igitt, wie kitschig!", sagt mein Freund, der Queerpopexperte. Und dass seine Gefühle für die Scissor Sisters auf eine ernsthafte Probe gestellt wurden, als sie vor einigen Jahren intensiv mit dem Softpop-Sir flirteten.

Queer-Credibility hat Elton John also keine. Umso mehr schätzen ihn all die Hausfrauenradios dieser Welt. Aber, hey, die Hausfrauenradios haben in diesem Fall einfach den besseren Riecher als mein Freund, der Queerpopexperte!

Okay, Elton John hat auch viel Blödsinn gemacht. Diese Brillen! Diese Hüte! Diese Sakkos! Dieser Koksnasenwegwerfpop zwischendurch immer wieder! Und dann erst die Ostschmonzette "Nikita", einer der schrecklichsten 80er-Popsongs überhaupt!

Aber Elton John hat Narrenfreiheit. Weil er wie niemand sonst aus einer kleinen Melodie und ein paar simplen Worten überlebensgroßen, global gültigen und jeden test of time locker bestehenden Popkitsch zu schaffen versteht. Popkitsch, der selbst den großen Udo Jürgens zu einem kleinen Würstchen degradiert; Popkitsch, der Liebe und Geborgenheit transportiert.

Lachen Sie ruhig, aber wenn mich "Your Song", "Goodbye Yellow Brick Road", "Rocket Man" oder "Tiny Dancer" im richtigen Moment erwischen, sorgt das auch beim tausendsten Mal Hören noch für große Rührung.

Und das Beste: Elton John macht seit einigen Jahren wieder richtig gute Platten. Soeben ist "The Union" erschienen, seine entspannt im Gospel geerdete Kooperation mit Leon Russell, einem rauschebärtigen US-Musiker, dessen Karriere einst in Phil Spectors Studioband begann. Ein Highlight des insgesamt sehr schönen Albums: "Gone to Shiloh" singen Elton John und Leon Russell gemeinsam mit Neil Young, einem anderen großen Herzenserweicher.

Meinen Queerpopfreund wird das wieder nicht interessieren. Ich aber sage: Danke für alles, Sir Elton!


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