Selbstversuch

Tut mir leid, ich kann so nicht arbeiten

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 46/10 vom 17.11.2010

Heute bin ich, obwohl die Kinder schulfrei haben, um halb sieben aufgestanden, damit ich ab halb acht im Büro sitzen und diese Kolumne schreiben, um zehn an einer wichtigen Besprechung teilnehmen und anschließend sofort wieder heimrasen kann. Wo ich dann, während der Lange sich eilig in sein Büro vertschüsst, die nächste Kolumne schreiben werde. Der Lange kann zu Hause nämlich nicht schreiben. Geht nicht. Schon gar nicht, wenn die Kinder daheim sind, Entschuldigung, ständig wird man unterbrochen und gestört, muss Essen und Getränke organisieren und irgendwas am DVD-Player einstellen, wie soll man da bitte etwas Vernünftiges schreiben? Also der Lange kann so nicht arbeiten. Ich eigentlich auch nicht, aber was ich tue, gilt bei mir daheim nicht als Arbeit, sondern als Ausrede, mich nicht um die Kinder und den Haushalt kümmern zu müssen. Dass ich dafür auch noch Geld bekomme, wird als eine der rätselhaften Merkwürdigkeiten des Lebens betrachtet.

Am Sonntag saß ich mit dem Laptop am Küchentisch über meinem allsonntäglichen Text und versuchte, einigermaßen verständliche Sätze zu formulieren, während ich gleichzeitig die Kinder bei den Hausaufgaben beaufsichtigte und später ihre Herstellung eines Mittagessens. Was kaum weniger anstrengend ist. Was jetzt, Mama? Welches Messer? Auf wie viel einschalten? Der Lange lag währenddessen im Bett und las ein Buch. Weil erstens würde, was ich tue, eh kein Mensch ernsthaft als Arbeit bezeichnen, also sind Störungen auch keine Störungen, zweitens wäre, wer am Sonntag arbeitet, einerseits selber Schuld, andererseits ein Familiensonntagsruinör, hätte folglich keine Gnade verdient. Drittens stand dem Langen jede denkbare Ruhe zu, denn er hatte den Kindern versprochen, am Nachmittag mit ihnen ins Kino zu gehen, weshalb es nur gerecht und angemessen war, ihn den Rest des Tages zu schonen.

Aber ich beklage mich eh nicht. Das ist auch besser, weil wenn ich mich beklagen würde, hieße es gleich wieder: Grundgütiger, bist du gereizt. Das wird dem Umstand zugeschrieben, dass ich gestern mit dem Rauchen aufgehört habe, was in Wirklichkeit ziemlich einfach war, weil ich nur einen Monat geraucht habe, und wenn es erst einmal gelungen ist, die ersten drei Frühstückszigaretten nicht zu rauchen, ist es eh schon so gut wie geschafft und tut kaum mehr weh. Und das gelang relativ mühelos. Aber man kann mich natürlich, wie der Lange seither, hochfrequent mit unnötigen, unbeantwortbaren Fragen wie "Warum bist du so fahrig?" oder "Was reißt es dich so herum?" reizen, und mir, wenn ich darauf schließlich gereizt reagiere, meine unerträgliche Reizbarkeit vorwerfen. Ja, nett, vielen Dank für deine Unterstützung. (Ach, ja, könnte bitte jemand meiner Mutter ausrichten, dass ich nicht mehr rauche? Mir glaubt sie es nämlich nicht.) Und ja, ich komme dann unverzüglich heim, na klar, Schatz.


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