Fragen Sie Frau Andrea

Synagoge, Donau, Schweighof, Schmalzhof

Kolumnen | aus FALTER 46/10 vom 17.11.2010

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

letztens im Donau erzählte mir ein Tourist, das Lokal würde sich seinem Wien-Reiseführer zufolge in den Gemäuern einer ehemaligen Synagoge befinden. Einem diffusen Unbehagen folgend habe ich das gegoogelt und die Behauptung auch auf einigen Lokaltippseiten im Internet gefunden. Im siebten Bezirk, wo sich das Donau befindet, hat es aber nie eine Synagoge gegeben hat. Was wissen Sie von diesem Gerücht, das ohne Unbehagen copygepastet wird, und wofür wurde das Gebäude tatsächlich erbaut?

Mit freundlichsten Grüßen, Miroslava Svolikova (sprich: Mirka)

aus der Awarenvorstadt

Liebe Mirka,

noch 1935 gab es in Wien sechs Tempel, 89 Bethäuser, 55 zeitweilige Beträume, 55 Sprach- und Bibelschulen. Wofür auch immer das Parterre des Neubauer Hauses Karl-Schweighofer-Gasse 10 im Laufe seiner Geschichte genutzt wurde - in der Gründerzeit waren die prächtigen Gewölbe der Schauraum der Carl-Schweighofer-Pianoforte-Fabrik -, Synagoge war es keine. Eine Mystifikation dieser Art ist als Ettore-Coriolis-Hoax bekannt, benannt nach dem Schriftsteller und Journalisten der Mailänder Zeitung Il Panorama universale (geboren 1831 in Padua, ertrunken am 4. März 1861 bei einem Schiffsunglück im Mittelmeer.)

Seinen Ausgang nahm der Ettore-Coriolis-Hoax, eine falsche Kombination richtiger Informationen, vor knapp zehn Jahren mit einer Kurzbeschreibung der Avantgardedisco Donau in einem Dumont-Führer über Wien. Die fälschliche Verknüpfung von Undergroundclub und Synagoge schrieben, wie Jan Tabor herausfand, Dutzende andere Reiseführerautoren hier ab. Was aber waren die Komponenten dieses Ettore-Coriolis-Hoaxes? In der Karl-Schweighofer-Gasse 4 befand sich bis 1938/39 eine der 13 Filialen des jüdischen Kranken- unterstützungsvereins Chesed schel Emes ("die wahre Wohltätigkeit"), in der Schmalzhofgasse in Mariahilf der berühmte, 1883/84 im neogotischen Stil errichtete und während der Novemberpogrome 1938 vernichtete Schmalzhoftempel. Nun, aus Schmalzhof wurde Schweighof, aus den Schauräumen eines gründerzeitlichen Klavierfabrikanten ein neogotischer Tempel und aus Chesed schel Emes auf Nummer vier eine DJ-Synagoge auf Nummer zehn. Le chaim!


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