Kritiken

Earnest und Bunbury: zwei Mal Wilde in Wien

Lexikon | Martin Lhotzky | aus FALTER 47/10 vom 24.11.2010

Gleich zwei Mal kann man derzeit Oscar Wildes bekanntestes und wohl auch bestes Stück genießen. Im süffisanten englischen Original läuft "The Importance of Being Earnest" in Vienna's English Theatre, routiniert und witzig inszeniert, soweit es diese Komödie um doppelte Identitäten und Liebeleien sowie ein vor Jahrzehnten vertauschtes Baby in der viktorianischen Upperclass eben hergibt. Bis hin zum Butler ist alles very British, die beiden verliebten Gockel Algernon (James Cawood) und John (Tom Micklem), die sich ja so gerne als Earnest ausgeben, auch weil ihre Herzensdamen nur einen so getauften lieben zu können versichern, agieren in einer liebreizenden Jugendstilkulisse punktgenau. In diese Inszenierung (Philip Dart) kann man getrost auch das Enkelkind fürs erste englische Theatererlebnis mitnehmen.

Von so einer Begleitung wird man bei "Bunbury" in Hubsi Kramars 3raum-Anatomietheater eher absehen. Der Hausherr führt selbst Regie - und seine Truppe durch ein ganz anderes Lustspiel als die Kollegen im English Theatre. Statt der Kulisse wechselt man hier gleich Bühne und Saal. In einer Übersetzungscollage, die auch vor Kalauern und aktuellen Anspielungen nicht zurückscheut, kommen die Darsteller immer sofort zur Sache; sie tauchen schon mal mit nur oberflächlich wieder zugeknöpfter Bekleidung auf, und eindeutig heterosexuelle Zuordnung von Gefühlen ist ihre Sache nicht. Dafür sorgt schon Lucy McEvil als herrische Tante Lady Bracknell. Übrigens ist diese Rolle in beiden Aufführungen enttäuschend wenig dragonerhaft angelegt. Trotz der vergleichsweise nicht völlig überzeugenden Schauspieler hätte Oscar Wilde selbst im Anatomietheater aber vermutlich viel lauter mitgelacht.

Vienna's English Theatre, tägl. außer So 19.30 (bis 22.12.); 3raum-Anatomietheater, Fr, Sa, Mi, Do 19.30 (bis 10.12.)


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