Kritik

Der Weg der Seele zum nächsten Ufer

Lexikon | aus FALTER 47/10 vom 24.11.2010

Wie lassen sich Migrationsbewegungen künstlerisch darstellen, und welche Formen finden Künstlerinnen und Künstler, die vor dem Hintergrund eigener Betroffenheit agieren? Diesen Fragen geht die von Christian Kravagna kuratierte Ausstellung "Living across" nach, deren Spektrum von konkret sozialkritischen bis hin zu bewusst abstrakt gehaltenen Arbeiten reicht. Wie Unwirtlichkeit sich anfühlt, das setzt die ursprünglich aus Russland stammende Anna Jermolaewa treffend in Szene: In ihrem Video "Research of Sleeping Positions" versucht sie sich auf einer dieser modernen Bahnhofsbänke auszuruhen. In einen Transitraum führt das fast meditative Video "MiddleSea" von Zineb Sedira. Welche Schiffsreise hier gefilmt wird, bleibt weitgehend der Fantasie des Betrachters überlassen. Das Video stellt das Gegenteil zu Medienberichten von "boat people" dar und entwickelt in seiner Reduktion dennoch einen Sog.

In der Foto-Text-Arbeit "Barça ou Barzakh" hat der Spanier Vicens Casassas junge Senegalesen in Trikots des Fußballteams FC Barcelona - kurz Barça - porträtiert. Einer der Texte erklärt, dass "Barça" in Senegal als Bezeichnung für die Flucht in einem Fischerboot dient; der gleichlautende arabische Ausdruck "Barzakh" bezeichnet jedoch ein Stadium der Seele zwischen Tod und Erlösung. Eine dichte, verschlüsselte Wandinstallation hat die in Sarajevo geborene Nada Prlja geschaffen, die sich auf die Xenophobie in Österreich bezieht und dafür verschiedenstes Bildmaterial wie Groschenromane, Plattencovers oder Landkarten ironisch übermalt. Eigenwillig erscheint die Auswahl der Gemälde von Hurvin Anderson in die Schau. Dass es sich bei diesen Interieurs um die Räume jamaikanischer Einwanderer handelt, macht die Malerei nicht besser. NS

Akademie der bildenden Künste, bis 5.12.


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