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Das Geheimnis der Unruhe: Téchinés "La Fille du RER"

Lexikon | Gerhard Midding | aus FALTER 47/10 vom 24.11.2010

Wird eine Lüge verzeihlicher, wenn der, der sie ausspricht, ein schlechter Lügner ist? Er habe es Jeanne nie übelgenommen, wenn sie ihn belog, erklärt ihr Freund dem Anwalt, er habe nur gespürt, wie sie sich dabei von ihm entfernt. André Téchiné erzählt diesmal von einer, die nicht stattgefunden hat. Sein Film lehnt sich an eine wahre Begebenheit an, die 2004 Schlagzeilen machte und heftige Debatten auslöste: Eine junge Frau behauptete, in einem Pariser Vorortezug das Opfer eines antisemitischen Übergriffs geworden zu sein. Zusammen mit Claude Chabrols bewährter Co-Autorin Odile Barski hat Téchiné ein Stück von Jean-Marie Besset adaptiert und die Vermischte Nachricht entschieden in die Fiktion überführt.

Die Maxime seines Kinos ist es, das schwer Vereinbare zu verschmelzen. Er liebt es, auseinanderstrebende Erzählstränge einander berühren zu lassen und zwischen Schauspielern, die unterschiedlichen Schulen angehören (hier: Emilie Dequenne, Catherine Deneuve, Michel Blanc und Nicholas Duvauchelle), eine Verwandtschaft herzustellen. In "La Fille du RER" geht er dem Rätsel des Weshalb auf den Grund, ohne eine Erklärung zu suchen. Das allgegenwärtige Motiv zielstrebiger Mobilität (die ständig präsenten Züge, ihre Lust am Skating) konterkariert er ohne Ironie mit der orientierungslosen Vorstadtexistenz seiner Titelheldin. Gewiss, sie hegt eine Sehnsucht nach Berühmtheit. Und die Familien in diesem Film sind liebend zerrüttet. Aber um das Geheimnis der Unruhe zu wahren, hat Téchiné stets einen Weg zwischen Psychologie und Soziologie gefunden: den des atmosphärischen Begreifens. Vielleicht sind ihre Beweggründe ja ganz woanders zu finden, in Jeannes Blick auf die Baumwipfel vor ihrem Fenster oder auf die Wolken über einem See?

Filmmuseum, Sa 20.30 und Mo 18.30 (OmenglU)


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