Jugend ohne Job: Die Kids müssen büßen

Falter & Meinung, FALTER 47/10 vom 24.11.2010

In der EU explodiert die Jugendarbeitslosigkeit, doch die Politik hat andere Prioritäten. Auch in Österreich

Kommentar: Markus Marterbauer

In der Europäischen Union herrscht der Sparwahn. Kein Tag, an dem nicht ein Finanzminister eines Mitgliedslands neue schmerzhafte Ausgabenkürzungen oder Steuererhöhungen verkündet. Die Minister gefallen sich als kleine Winston Churchills: Blut, Schweiß und Tränen seien unvermeidbar, sonst verweigern die Finanzmärkte die Finanzierung der Staatsschulden. Doch gerade haben der Staat mit Kapitalspritzen und Garantien im Ausmaß von tausend Milliarden Euro und die Europäische Zentralbank mit Billiggeld in gleichem Volumen die Finanzinstitutionen vor dem Zusammenbruch gerettet. Und nun droht eben diese Finanzwelt, die Staaten fallen zu lassen? Verrückte Welt.

Die europäische Politik hat sich in ein enges Korsett schnüren lassen und jammert nun, dass ihr die Luft ausgeht. Beim Sparen beweist sie plötzlich doch langen Atem und sogar heimliche Lust. Gleiches würde man sich bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit wünschen, denn die explodiert gerade. Seit Beginn der Krise im Frühjahr 2008 sind die Zahl der Arbeitslosen in der EU um sieben Millionen auf 23 Millionen und die Arbeitslosenquote von 6,7 Prozent auf 9,6 Prozent der Erwerbspersonen gestiegen. Dabei sind die entmutigten Arbeitslosen noch gar nicht erfasst. In Spanien übersteigt die Arbeitslosenquote bereits die Marke von 20 Prozent, in den baltischen Ländern nähert sie sich ihr rasch und auch in den anderen EU-Ländern mit schwerem Wirtschaftseinbruch und drastischen Sparpaketen steigt die Arbeitslosigkeit von Monat zu Monat: In Portugal liegt sie derzeit bei zehn, in Griechenland bei zwölf, in Irland bei 14 Prozent.

Unter dem allgemeinen Jobmangel leiden vor allem jene, die sich in der Frühphase ihres Berufslebens befinden. In der EU ist bereits jeder fünfte Jugendliche arbeitslos. In Spanien beträgt die Arbeitslosenquote 42,5 Prozent, in den baltischen Ländern nähert sie sich der Marke von 40, in Griechenland, Irland, aber auch in der Slowakei beträgt sie etwa 30 Prozent. Da müssen die Alarmglocken schrillen, denn die sozialen und wirtschaftlichen Kosten verbreiteter Jugendarbeitslosigkeit sind enorm. Unmittelbar bei den direkt Betroffenen, sie verzeichnen nicht nur kurzfristig heftige Verluste, ihre Einkommen leiden während des gesamten Erwerbslebens und die Absicherung im Alter ist fraglich. Die von den Banken und internationalen Finanzmärkten ausgelöste Wirtschaftskrise schafft in vielen EU-Ländern eine verlorene Generation. Jugendarbeitslosigkeit mindert das Vertrauen aller Betroffenen in Staat und Gesellschaft, mit potenziell verheerenden politischen Folgen (siehe Seite 10).

Doch es gibt es auch positive Beispiele, Österreich gehört dazu. Die Zahl der Arbeitslosen ist in der Krise zwar kräftig, aber doch weniger stark gestiegen als anderswo. Sie liegt heute um etwa 60.000 höher als vor der Krise. Unter Jugendlichen beträgt die Arbeitslosenquote acht Prozent, das ist zwar um ein Viertel höher als vor zwei Jahren, aber zusammen mit Deutschland und den Niederlanden der niedrigste Wert der EU. Dazu trug die von Konservativen so heftig gescholtene Ausweitung der Zahl der Frühpensionisten in der Krise ebenso bei wie die mit enormem finanziellem Aufwand betriebene Ausweitung von überbetrieblichen Lehrwerkstätten und Qualifizierungsprogrammen. Vor allem in der Altersgruppe der 15- bis19-Jährigen konnte so ein Anstieg der offenen Arbeitslosigkeit beinahe vollständig vermieden werden. Doch die hohe Zahl der Schulungen zeigt auch, dass der Arbeitsmarkt für Jugendliche bei weitem nicht im Lot ist. Den 37.000 als arbeitslos registrierten Jugendlichen standen im Oktober 2010 in dieser Altersgruppe 27.000 Teilnehmer an Schulungen und 507.000 Beschäftigte gegenüber. Vor allem bei den 20- bis 24-Jährigen ist die Lage nach wie vor sehr angespannt.

Unter dem Eindruck der im internationalen Vergleich günstigen Arbeitsmarktdaten und dem Diktat des allgemeinen Sparkurses drohen die Beschäftigungschancen der Jugendlichen auch bei uns auf der Strecke zu bleiben. Im Rahmen der Konsolidierung sagt die Bundesregierung den geplanten Ausbau der Fachhochschulen ab, die Unis sollen in den ersten zwei Semestern des Studiums leergeprüft werden. Erforderlich wäre das Gegenteil. Eine deutliche Ausweitung der Studienplätze ebenso wie mehr Ausbildungsplätze in mittleren und höheren Schulen und zusätzliche Förderprogramme für Jugendliche ohne Pflichtschulabschluss. Gleichzeitig muss ein Offensivprogramm zur Erhöhung der Ausbildungsplätze und Jobs in den Beschäftigungsbereichen der Zukunft, das sind Kindergärten, Pflege, Sozialarbeit, gestartet werden. Dafür brauchen die Gemeinden mehr Geld, etwa indem endlich die Grundsteuer erhöht wird.

Wenn man schon beim Wünschen ist: Bitte um ein Quäntchen europäische Dimension auch in der österreichischen Politik. Die katastrophal hohe Jugendarbeitslosigkeit in Süd- und Osteuropa gefährdet das europäische Projekt sozial, wirtschaftlich und politisch. Unter dem Diktat von EU und Finanzmärkten wollen und können sich die Länder kein Gegensteuern leisten. Wo bleiben die europäischen Initiativen zur Schaffung von Jobs und Ausbildungsplätzen? Das Mindeste wäre, dass die Finanzminister dafür Geld aus dem EU-Haushalt locker machen. Doch sie ergehen sich lieber in ihrer Sparrhetorik. Gedacht ist ihre Kur offensichtlich für die jugendlichen Opfer der Krise, nicht für deren Verursacher.

Der Autor ist Wirtschaftsforscher in Wien

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FALTER 26/19
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