Selbstversuch

Aber ich sitz ja immer an denselben Orten herum

Kolumnen | Doris Knecht? | aus FALTER 47/10 vom 24.11.2010

Sätze, die ich auch gerne einmal sagen würde: "Ah, das Palais Coburg. Da aß mein Treuhänder immer gern." Allerdings sind nur meine Zürcher Freunde in der finanziellen Position, derlei in eine Konversation zu werfen: im aktuellen Fall Dizzy Campolongo, während wir nicht im Coburg sitzen, sondern im Saigon im Brunnenviertel. Dizzys Ron-Mael-Schnurrbärtchen ist nachgewachsen, was mich froh macht, denn das Bärtchen hatte mich zwei Tage zuvor im Rebhuhn irgendwie nervös gemacht: Links war es beim Rasieren ein wenig kürzer geraten als rechts, ich konnte gar nicht wegschauen und starrte Dizzy, während wir sprachen, permanent auf den nicht ausbalancierten Moustache, der mein natürliches Gefühl für Symmetrie beträchtlich irritierte. Dizzy ist auf Besuch, erwägt nun aber, sich hier niederzulassen.

Denn im Unterschied zu Sedlacek, der Wien für die mieseste Stadt der Welt hält und sich deshalb ganz nach Berlin verfügt hat, finden die meisten meiner ausländischen Freunde, dass Wien gerade im Moment eine der lässigsten Städte der Welt sei. Finde ich auch, aber ich sitz ja immer an denselben Orten mit denselben Leuten herum.

Natürlich begrüße ich die neue politische Situation außerordentlich und richte all mein Flehen an die Protagonisten des rot-grünen Bündnisses, das bitte nicht in den Sand zu setzen. Unter anderem deshalb, weil sonst Sedlacek oben in Berlin in ein Hab-ich's-doch-gesagt-Mantra verfällt, das bis nach Wien herunterhallen wird. Sedlacek war zwar auch für Rot-Grün, glaubt aber gleichzeitig, Rot-Grün bedeute so viel wie der Triumph der Bobos (Sedlacek: der Scheißbobos) über die von ihnen verkannte Realität und sei zum Scheitern verurteilt, weil die Scheißbobos ihre utopischen Scheiß-Multikulti-Tralala-Fantasien nun der ganzen Stadt überstülpen würden und damit alles nur noch schlimmer machen und am Ende der extremen Rechten zu einer absoluten Mehrheit verhelfen; jetzt einmal überspitzt formuliert.

Ich dagegen glaube erstens, dass sich einige dieser vermeintlichen Fantasien in der Realität ganz gut bewährt haben, nämlich zum Beispiel an jenen Stellen der Stadt, wo es gelungen ist, unterschiedliche Interessen und Lebensstile so zu mischen, dass dort alle relativ zufrieden zusammenleben, und zwar deshalb, weil jeder das Gefühl hat, vom jeweils anderen auf lebensqualitätsfördernde Weise zu profitieren. Siehe das hier schon öfter strapazierte Brunnenviertel, ein Beispiel für gelungene Stadtentwicklungs- und Wohnbaupolitik. Zweitens glaube ich, dass die Wirklichkeit nicht betoniert, sondern korrigierbar ist, unter anderem deshalb, weil Wien, als ich vor 25 Jahren hierherkam, eine ziemlich langweilige, ziemliche alte, ziemlich einförmige, ziemlich in ihren Traditionen verhedderte Stadt war. Jetzt ist es, laut mir und meinen ausländischen Freunden, eine der lässigsten Städte der Welt. Und es kann noch lässiger werden, pass auf.


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