Mediaforschung?

Funktioniert Werbung mit nur einem Satz, Herr Salvenmoser?

Nachfragekolumne

Medien | Stefan Apfl | aus FALTER 48/10 vom 01.12.2010

Es gab eine Zeit, von der heute als "die einfache Zeit" die Rede ist. Nicht, dass damals alles besser gewesen wäre. Es hat bloß nicht alles gefunkelt und geglänzt. Das Werbefernsehen war zwar schon erfunden, doch der Röhrenbildschirm zeigte nur FS 1 und FS 2. Ein Joghurt war auch damals gesund, aber nicht probiotisch, der Geiz schon zugegen, aber noch nicht geil.

Irgendwann wurden die Dinge komplizierter. Fred Sinowatz muss es gespürt haben, aber die Leute wollten nicht hören.

Aus Mitarbeitern wurden menschliche Ressourcen und aus Litfaßsäulen Billboards, auf denen der bare Busen den Rollkragenpullover verdrängte: Aus der Welt wurde die Warenwelt.

Der Mensch von heute hat zwar nicht alles, aber er hat das Recht darauf. So lautet die Botschaft aller Werbungen auf allen Kanälen. Der große Bruder und die Reklame - sie sind heute überall.

Sodass heute jene Werbung auffällt, die gar nicht auffällt. "Goldene Hochzeit mit einem Fremden" und "Gegen den Radiergummi im Hirn", steht auf zwei neuen Plakaten geschrieben, die auf das Thema Alzheimer aufmerksam machen wollen. Kein Schnickschnack, keine Fotos Hilfsbedürftiger. Nur eine Zeile, die uns sagt: Vergiss die nicht, die alles vergessen.

"Im täglichen Wettbewerb um Aufmerksamkeit setzt sich die einfache Lösung durch", sagt Walther Salvenmoser, der verantwortliche Creative Director von Lowe GGK.

Und denken wir an die 100.000 Demenzkranken, an die CS Alzheimer mit den Plakaten erinnern will, so stimmt uns dieser Satz doch traurig. Denn nicht nur werden Alzheimerpatienten in jedem wachen Moment aufs Neue daran erinnert, in welch modernen Zeiten wir leben. Vor allem haben sie vergessen, wie es damals war, in der "einfachen Zeit".


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