Stadtrand?

Der Schnee deckt zu, der Schnee rutscht ab

Urbanismuskolumne

Stadtleben | Joseph Gepp | aus FALTER 48/10 vom 01.12.2010

Früher, als die Welt noch einfach war, war die Stadt weiß, nachdem es geschneit hatte. Da blickte man aus dem Fenster und sah ringsum schneebedeckte Dachlandschaften, durchbrochen höchstens von Rauch aus diversen Rauchfängen, aber auch der gehörte irgendwie dazu. Heute dagegen ist die Welt nicht mehr einfach, und die Dächer sind nicht mehr weiß. Denn heute ist ein Gutteil der Wiener Dachgeschoße ausgebaut. Das sieht man vor allem im Winter, wenn sich überall sonst kältebedingt ein Meter Schneedecke über Häusern wölbt. Auf dem Dachausbau aber hat er wärmebedingt keine Chance. Dort herrscht ganzjährig frühlingshaftes Tauwetter. Dort schmilzt er sofort weg und rutscht in Form schwerer nasser Fladen die Dachschräge hinunter, um sogleich im Nacken dachgeschoßloser Städter zu landen. Im tiefen Winter ist das einst schneeweiße Wien also zum Fleckerlteppich geworden. Zur Wechselfolge ausgebauter und nicht ausgebauter Dachgeschoße. Zum Schachbrettmuster sozialer Schieflagen. Und dazwischen flüchten Städter vor Fladen.


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