Ins Mark??

Was der Waldmensch lehrt

Der Kommentar zur steirischen Woche

Steiermark | aus FALTER 48/10 vom 01.12.2010

Der "Waldmensch" Friedrich O. hält ganz Österreich in Atem: Erst hat der Karlau-Freigänger eine Prostituierte beinahe erdrosselt, dann versteckte er sich tagelang in den Wäldern im Wechselgebiet. Zuletzt geriet er gar noch in Verdacht, während seiner Flucht eine Bäuerin erstochen zu haben. Und sein Fall bringt eines ans Tageslicht: Dass der so genannte "gelockerte Strafvollzug" tatsächlich erstaunlich locker genommen wird.

So hat sich eine Kommission laut Justizwachegewerkschaftern gegen Freigänge für O. ausgesprochen, der Anstaltsleiter habe sich darüber hinweggesetzt. Auch habe er den Mann nicht der Begutachtungsstelle für Gewalt- und Sexualstraftäter (Best) vorgeführt, damit die grünes Licht gibt.

Doch das Justizministerium sieht kein Fehlverhalten. Ein Häftling müsse nämlich nur dann zur Best, wenn er aktuell wegen eines Sexualdelikts sitzt, O. hat seines ja verbüßt. Diese Darstellung ist aber nicht korrekt: Laut Gesetz soll ein potenzieller Freigänger auch dann zu den Begutachtern, wenn der "Lebenswandel vor der Anhaltung" dies "zweckmäßig" erscheinen lässt. Wenn O.s Vorleben es nicht zweckmäßig erscheinen lässt - er hat elf Vorstrafen und seine Ex-Freundin über Tage immer wieder vergewaltigt, teils vor ihrem Kleinkind -, welches dann?

Zu selten wird außerdem nachgefragt, was die Leute während ihres Freigangs tun. Und schließlich unterzieht sich in Österreich erst etwa ein Drittel der Sexualstraftäter einer Therapie. Dabei ließen sich laut Experten damit die Rückfallsquoten von knapp dreißig Prozent auf bis zu unter fünf Prozent drücken. Das ist doch einiges, was der "Waldmensch" nachzudenken aufgibt.

Gerlinde Pölsler leitet das Ressort Stadtleben im Steiermark-Falter


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