Selbstversuch

So, jetzt schnalzt die also auch durch

Kolumnen | Doris Knecht?? | aus FALTER 48/10 vom 01.12.2010

Und dann bin ich backstage im Rabenhof ausgezuckt. Einfach so ausgezuckt. Seien wir uns ehrlich; wegen nichts, total überzogene Reaktion auf genau gar nichts.

Alle, die dabei waren, haben sich gedacht: Hat die noch alle? Geht's der noch gut? Ich kann diese Frage wie folgt beantworten: Nein, der ging's nicht mehr gut, und hinterher hat die im Taxi losgeflennt wie ein Baby, dass der Taxler sich nicht mehr in den Rückspiegel hat schauen getraut. Weil, wie unangenehm ist das denn, so eine heulende Frau am Rücksitz. Zum Glück war der Lange da, und sein Arm war stark. Und ich weiß nicht einmal genau, warum ich so ausgezuckt bin, es war ja nichts, nichts, was mir normal nicht scheißwurscht gewesen wäre. Aber an diesem Abend nicht. Mein Herz übersteuerte. Mein Kopf brauste. Meine Ruhe war hin.

Ich weiß auch nicht. Ein schlechter Tag halt. An diesem schlechten Tag hat sich wohl lauter so Zeug, das mir in den letzten Monaten irgendwie zu viel geworden ist, zusammengeknäult, und am Abend backstage Rabenhof ist es dann in einem Batzen Wutausbruch konzentriert aus mir herausgeschossen dass sich alle denken mussten: So, jetzt schnalzt die also auch durch. Aha. So schaut das aus, wenn die die Nerven wegschmeißt, kläglich, tragisch und interessant.

Ja, genau, so schaut das aus. Aber der ganze Tag war schon scheiße. Den ganzen Tag hätte ich schon wegen nichts davonrennen wollen, aber kann man ja nicht machen, geht ja nicht, keine Zeit: arbeiten, Zeug organisieren, Einmaleins üben mit den Kindern. Und man ist bitte erwachsen. Man kann nicht einfach mitten am Tag an der Wand entlang auf den Boden rutschen, dort hocken bleiben, nur ein- und ausatmen und Wasser aus dem Gesicht rinnen lassen, erstens würde es die Kinder beunruhigen, zweitens ist man so jemand nicht. Man ist nicht so eine. Man ist eine von denen, die alles im Griff haben und alles schaffen, das, das und das, und wie nix mit Rauchen aufhören und dazu fünf Kilo abnehmen, alles kein Problem. Man ist ja so eine Alles-eine-Frage-guter-Organisation-Person. Eine von diesen No-Nanny-no-Granny-Müttern, die es für unsportlich halten, sich helfen zu lassen, bitte, man schafft das schon. Plus: Man ist ja auch privilegiert, es geht einem ja prächtig, man hat ja alles, das wäre ja undankbar und würdelos, wenn man mit so einem Leben sagen würde: Also, das ist mir jetzt kurz alles zu viel, ich bin dann mal überfordert und gehe jetzt bisschen weinen. Weil warum? Wegen was? Gibt ja keinen Grund. Geht einem ja gut. Ist ja alles großartig, alles bestens, danke.

Und es stimmt auch: 364 Tage im Jahr. Am 365. flippt man wegen einer völligen Lappalie wie eine Geisteskranke aus, derwischt durch die Garderobe vom Rabenhof und beschimpft wahllos jeden, der sich nicht rechtzeitig in eine Konversation oder aufs Klo flüchtet. Ja. Hm. Entschuldigung. Das war nicht mein Tag.


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