Stadtrand?

Moral, ganz wienerisch: warten um jeden Preis

Urbanismuskolumne

Stadtleben | Joseph Gepp | aus FALTER 49/10 vom 08.12.2010

Kennen Sie die "Stufen der moralischen Entwicklung"? Dieses psychologische Konzept erklärt, wie Menschen moralische Entscheidungen fällen. Schulbeispiel: die rote Fußgängerampel. Dort gibt es Leute, die warten, obwohl weit und breit kein Auto zu sehen ist - die Norm gibt ihnen Sicherheit. Und es gibt die, die gehen, weil weit und breit kein Auto zu sehen ist - sie trauen sich selbst zu werten. Und es gibt den Wiener. Der Wiener als eigenständige moralische Kategorie begegnet uns beispielsweise im Advent auf der temporär zur Fußgängerzone erklärten Mariahilfer Straße. Hier zeigt sich: Der Wiener steht auch bei absoluter Abwesenheit von Autos menschentraubenweise an abgeschaltenen Ampeln und wartet, bis er die Fußgängerzone überqueren kann. Nur kommt dieser Zeitpunkt nie, weil die Straße ohnehin autofrei ist. Deshalb ist der Gehsteig so lang übervoll, bis ein verwegener first mover den ersten Schritt tut. Was ist das? Blinder Obrigkeitsglaube? Oder blinde Gewohnheit? Egal. Bei der nächsten psychologischen Theorie möge man bitte auch den Wiener bedenken.


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