Selbstversuch

Besonders im Fall beiderseitiger Sturheit

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 49/10 vom 08.12.2010

Liest hier irgendwo eine Richterin mit oder ein Richter? Oder wenigstens ein paar Geschworene? Gut. Weil Folgendes.

Eine Familie ist zum Essen eingeladen und verlässt dick vermummt und ziemlich bepackt die Wohnung. Sagt die Frau zum Mann: Ich nehm die Blumen, kannst du diese Tasche nehmen? Sagt der Mann zur Frau, ja, aber du sperrst hinter uns zu. Wenn jetzt alle zur Tür hinausgehen, die Kinder, der Mann, die Frau, und die Frau, Blumenstrauß unterm Arm, zieht die Tür zu und will absperren, kann aber nicht, weil der Schlüssel des Mannes innen steckt: Wer ist dann schuld? Die Frau, die nicht nachgesehen hat, ob nicht vielleicht irgendwer seinen Schlüssel hat stecken lassen? Oder der Mann, der vergessen hat, seinen Schlüssel abzuziehen? Und wer muss dann den armenischen Schlüsselschuster holen gehen, dass er die Tür aufmacht? Es kam zu Gebrüll im Stiegenhaus, und die Frau stapfte mit Blumenstrauß, Tasche und Kindern wütend Richtung U-Bahn, während der Mann wütend gen Armenier ausschritt. Der zum Glück sofort das Komme-gleich-Schild an seine Ladentür hängte, sodass die Sache zügig erledigt war und der Mann sich schon eine halbe Stunde später an einen mit feinsten Speisen reich beladenen Tisch setzen und an einer Bierflasche nuckeln konnte.

Und alles war wieder gut, denn zum weiteren Glück gilt die alte Regel immer noch, auf die man sich einst einigte, als man zwei Kinder gleichzeitig und damit Stress und Schlaflosigkeit und Konfliktpotenzial galore kriegte: keine Schuldzuweisungen und kein Entschuldigungszwang nach Krach und Gebrüll. Man brüllt und tobt und fetzt, und dann hört man wieder damit auf, und gut ist's. Ich kann das empfehlen, besonders im Fall beiderseitiger Sturheit. Der Mann und die Frau aus dem inkriminierten Beispiel hätten sonst die Tage zählen können, die sie seither überhaupt noch miteinander gesprochen hätten, während jeder darauf gewartet hätte, dass der andere, der ja eindeutig schuld war, sich endlich entschuldigt.

Dennoch erhoffe ich mir einen Richterspruch, wobei ich keinen Moment daran zweifle, dass die Frau im inkriminierten Beispiel freigesprochen wird. Oder? Doch, ganz gewiss.

Die Woche war von weiteren Rechtsstreitigkeiten geprägt. Das Mimi: Es ist verboten, Kinder zu kidnappen. Die Mutter: Das ist kein Kind, das ist ein Kuscheltier. Das Mimi: Aber für das andere Mimi ist es so wichtig wie ein Kind, es kann ohne den Peter nicht schlafen, also gib ihn heraus. Die Mutter: Und ich kann ohne den iPod, den das andere Mimi irgendwo in der Brandung des Kinderzimmers versenkt hat, nicht wach sein, und solange ich den nicht wiederhabe, bleibt der Peter in Geiselhaft. Das Mimi: Das ist gemein. Die Mutter: Das ist mir wurscht, ich will meinen iPod wieder.

Es kam dann zu einem überraschend flotten Gefangenenaustausch. Manchmal braucht's eben keinen Richter. Erpressung tut's auch.


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