Kritik

Heimat und der Dschungel der Klischees

Lexikon | aus FALTER 49/10 vom 08.12.2010

Die Punschstände im Hof des Palais Niederösterreich bieten das perfekte Kontrastprogramm zu der Ausstellung im Haus selbst. Während draußen weihnachtliche Volksmusik die Herzen wärmt, beziehen drinnen Künstler Stellung gegen die xenophobe Volksseele. Die Probleme Rassismus und Migration werden in der von Ursula M. Probst und Walter Seidl kuratierten Schau "Mit uns ist kein (National-)Staat zu machen" allerdings seltener mit dem Seziermesser als mit dem Vorschlaghammer behandelt. So übt Hansel Sato plakativ Kritik an Straches Heimatland: Er stellt seine auf der Straße verteilte Fake-Zeitung "Österreichische Nachrichten" aus, deren Artikel den rassistischen Boulevard persiflieren. Recht einfach gestrickt auch Lena Lapschinas Videoporträts, deren Text ein und dieselbe Person mal als angepasste Erfolgreiche, mal als unerwünschte Bettler, Asylwerber oder Prostituierte ausweist.

Auf den ersten Blick dokumentarisch, auf den zweiten sehr persönlich gestaltet sich die Video-Dia-Arbeit "Zeit totschlagen und Umgebung beobachten" von Ovidiu Anton, in der sein Vater über seine Erfahrungen als ein rumänischer Flüchtling in Österreich 1990 erzählt. Sein Sohn hat ihn mit der Kamera an die Orte von damals begleitet. "Essen, Njam Njam" schallt es immer wieder penetrant durch den Kunstraum: Diesen respektlosen Ruf zur Mahlzeit hörte die aus Russland geflüchtete Künstlerin Anna Jermolaewa einst täglich im Flüchtlingsheim. Die Videoperformance "I'm too sad to tell you, Bosnian Girl!" untersucht, welche medialen Bedingungen von Selbstreflexion und Subjektbildung befördern. Mit ihrem komplexen Auftritt setzt sie sich wohltuend von manchen allzu einfach gestrickten Freund-Feind-Schemen der Ausstellung ab. NS

Kunstraum Niederösterreich, bis 11.12.


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