Neu im Kino

Familienaufstellung mit Lennon: "Nowhere Boy"

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 49/10 vom 08.12.2010

Zweitausendzehn - das Jahr, in dem die bildenden Künstler das Kino übernehmen? Gleich fünf Langfilmdebüts arrivierter Kunstschaffender sind heuer in Österreichs Lichtspielhäusern angelaufen, Sam Taylor-Woods "Nowhere Boy" ist der letzte Film dieser Serie.

Dass Taylor-Wood bisher als Foto- und Videokünstlerin reüssierte, sieht man dem Drama um John Lennons Jugendjahre aber kaum an: Wo ihre Kollegen Themenvorgaben formal aufrauen ("Hunger", "Women Without Men"), die eigene Arbeit ironisch bespiegeln ("Exit Through the Gift Shop") oder in ästhetische Privatuniversen abtauchen ("Pepperminta"), da inszeniert sie gediegen und widerhakenfrei Herzensbildung und Bandgründung des adoleszenten Lennon (Aaron Johnson) in einem zartgrauen Liverpool.

Die brave Gangart der Inszenierung ist umso verwunderlicher, als "Nowhere Boy" (wie schon Taylor-Woods süße Buzzcocks-Eloge "Love You More") Rockmusik konsequent als Aphrodisiakum und Gleitmittel beschwört und sich dabei auch vor ödipalen Obertönen nicht fürchtet: Rock 'n' Roll bedeute Sex, flüstert Mutter Julia (eine Wucht: Anne-Marie Duff) hüftschwingend dem Sohn zu, der seine Jugend in der Obhut einer strengen Tante (Kristin Scott Thomas) verbracht hat.

Angelehnt an die Memoiren von Johns Schwester Julia Baird, funktioniert "Nowhere Boy" nicht schlecht als einnehmend gespieltes, straff erzähltes Familienaufstellungsdrama, in dem freilich jede Wendung so wenig überrascht wie Lennons "Mother" über den Schlusscredits. Familie geht hier über alles: Sogar die Freundschaft mit einem begabten Kaulquappengesicht namens Paul McCartney wird aus dem geteilten Trauma frühzeitigen Mutterverlusts hergeleitet.

Ab Fr in den Kinos


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