Musiktheater Kritik

Seltsam schwunglos: Don Giovanni an der Staatsoper

Lexikon | aus FALTER 50/10 vom 15.12.2010

Im Film nennen sie es Continuity, in der Oper wird gerne mal drauf gepfiffen, da geht es in puncto Nachvollziehbarkeit der Handlung, Stringenz und Logik allzu oft hanebüchen zu. Zum Beispiel "Don Giovanni": Wieso laufen sich die Protagonisten in einer großen Stadt andauernd in die Arme? Weshalb kann der Titelwüstling selbst aus bedrohlichsten Situationen immer wieder entkommen? Warum fällt eine erwachsene Frau wie Donna Elvira auf einen simplen Kostümtausch zwischen Giovanni und Leporello herein?

Mit philologischer Akribie hat sich Jean-Louis Martinoty solchen Fragen gestellt, für seine Neuinszenierung an der Wiener Staatsoper tatsächlich einige schlüssige Antworten gefunden - und sich darüber immer wieder im Detail verloren. Mithilfe beeindruckender Fotoprospekte (Hans Schavernoch) zeigt er, dass das Stück in einer einzigen Nacht spielt; die Handlung verlegt er über weite Strecken in ein Gasthaus. Das dient fraglos der Glaubwürdigkeit des Bühnengeschehens, ließ aber offenbar keinen Raum mehr für den Blick aufs Ganze und für darstellerische Feinarbeit. Seltsam betulich, mitunter gar dröge schleppt sich Mozarts und Da Pontes eigentlich so rasantes Sex-and-Crime-Stück dahin, viele Szenen bleiben statisch, die Charaktere unscharf.

Für einen neuen Da-Ponte-Zyklus an der Staatsoper (Martinoty wird auch "Figaro" und "Così" inszenieren) ist das zu wenig. Zumal die Solisten nicht nur spielerisch, sondern auch sängerisch nicht wirklich mitzureißen vermögen. Auf hohem Niveau routiniert geben sich Ildebrando D'Arcangelo (Giovanni) und Alex Esposito (Leporello), am überzeugendsten noch Saimir Pirgu (Ottavio), Sally Matthews (Anna) und Sylvia Schwartz (Zerlina). So kommt dieser "Don Giovanni" nur selten in Schwung; und wenn, dann allenfalls, wenn das Orchester unter Franz Welser-Möst seine Zurückhaltung aufgibt. CF

Staatsoper, Fr, Mo 18.30, Do 19.00, 27.12., 19.00


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