Theater Kritik

Eine halbe Nacht im Theaterbahnhof

Steiermark | Hermann Götz | aus FALTER 50/10 vom 15.12.2010

Das TiB lädt ein, sich einen langen Abend an Suppe und Wodka zu wärmen. Und an der TiB-Kunst, die keineswegs lang-, sondern kurzweilig ist. Die fünf Stunden zwischen Probenräumen, Lager, Büros und Bar zerrinnen wie 50 Minuten der Konkurrenz. "Warmanziehen" präsentiert sich als Motto so offen, dass selbst der Steirische Herbst seine Freude hätte, da hat alles Platz: So bekommt die letzte Herbst-Produktion "Tod eines Bankomatkartenbesitzers" mit Johannes Schrettles fein gestricktem Fragment "Es wird Blut fließen" eine thematische Fortsetzung. Rupert Lehofer und Gabriela Hiti breiten in der öffentlichen Tanzübungszweiviertelstunde "Oberschenkelhalsbruch" die Tragikomik des Tangopaartanzes vor dem Publikum aus. Pia Hierzegger lädt als kühle Moderatorin mit wärmenden Untertönen einen Gast zum Interview, Juliette Eröd bietet eine Entspannungssitzung an, Lorenz Kabas erläutert glaubhaft, was ihn alles nicht mit Buster Keaton verbindet, und Gastkünstler Viktor Kröll lichtet Theaterbesucher als Heilige ab - nicht ohne sie zuvor einem todernsten Tauglichkeitsverhör zu unterziehen. Rundherum gibt's Videos, Lagerfeuer und Lagerfeuerlieder, Liebesgeständnisse im Bügelzimmer und ein paar Seiten Dr. Schiwago. Kann sein, dass der Versuch, auf Basis einer Kinderphysikfibel eine "Art Oratorium" zu veranstalten, stellenweise danach verlangt, zum Begriff Trash-Theater auch die Übersetzung zu liefern, dafür schlägt die einsame Klasse, mit der Monika Klengel frei nach Erwin Wurm in einem warmen Pullover verschwindet, alles. Die TiB-Kunst nimmt Besitz von Raum und Zeit, schweißt Publikum und Künstler in einem intimen Erlebnis zusammen. Hier, in diesem Format, ist das Theater im Bahnhof ganz zu Hause. Das Publikum fühlt sich eine halbe Nacht lang ebenso.

Theater im Bahnhof, Fr, Sa 19.00


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige