Am Apparat??

Ist Ihre Gefängnisreform gescheitert, Herr Böhmdorfer?

Telefonkolumne

Politik, FALTER 50/10 vom 15.12.2010

Wiens Jugendrichter schlagen Alarm. Die sexuellen Übergriffe unter jugendlichen Häftlingen im Grauen Haus, einem Großgefängnis, das eigentlich für Erwachsene gebaut wurde, würden massiv zunehmen. In den letzten fünf Jahren seien 46 Fälle zu beklagen gewesen. Personal- und Platzmangel seien dafür verantwortlich. Wie sieht jener Justizminister, der einst Jugendliche ins Graue Haus übersiedeln ließ, die Vorwürfe?

Herr Böhmdorfer, als FPÖ-Justizminister haben Sie das Jugendgefängnis aufgelöst. Nun beklagen Jugendrichter einen massiven Anstieg sexueller Übergriffe. Hat Ihre Reform versagt?

Nein, ganz und gar nicht. Lassen Sie mich ausholen. Wir haben 2001 die Privilegien des Jugendgerichtsgesetzes auf junge Erwachsene ausgedehnt. Dadurch gab es viel mehr Insassen im Jugendstrafvollzug. Die Zellen im Jugendgefängnis in der Rüden gasse waren völlig überaltert, die Toiletten waren nur durch Vorhänge getrennt. Es war unwürdig. Eine Erweiterung konnte aus Denkmalschutzgründen nicht erfolgen.

Wie kommt es nun zu diesem Anstieg an Übergriffen?

Ich bestreite den Anstieg an Übergriffen. Mir fehlt der Beweis, dass dieser angebliche Anstieg im alten Gefängnis nicht passiert wäre. Viele jugendliche Insassen haben große Probleme. Sie wirken wie Engerln, aber manche haben unglaubliche Aggressionen. Dann sekkieren sie die Schwächeren.

In manchen Zellen sitzen sechs Jugendliche.

Die Enge war ein viel größeres Problem im alten Gefängnis. Im Grauen Haus herrschen bessere Zustände. Organisatorisch ist es ein Fünfsternehotel. Wir wollten damals ein neues Gebäude bauen und Gefängnisse in Rumänien sanieren. Wir haben sehr viele Jugendliche aus Osteuropa, die wir hier nicht resozialisieren können. Ich war der Meinung, dass es besser ist, sie in ihre Heimat zu schicken. Leider kam es zu diesen Reformen nicht mehr.

Interview: Florian Klenk

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