Wieder gelesen?

Bücher, entstaubt

Politik | Petra Sturm | aus FALTER 50/10 vom 15.12.2010

Hat der Bücherwurm ausgefressen?

Die Frühsozialisierung des Lesers ist momentan ein Politikum. Dazu gibt es einen wunderbaren Kinderbuchklassiker, der bestens zur aktuellen Bildungsdebatte passt: "Die kleine Raupe Nimmersatt". Das Geschöpf des Deutsch-Amerikaners Eric Carle wurde schon einmal als gesellschaftspolitische Symbolfigur gebraucht. Florian Illies hat letztes Jahr zum 40-jährigen Jubiläum der erfolgreichen, gefräßigen Raupe die deutsche Nachkriegsgeneration wiedererkannt, die sich unermüdlich und begierig wieder hinaufkämpfte. Heute geht es um die Rettung des wissbegierigen Bücherwurms. Einst harmlos-niedliche Verkörperung des lesehungrigen (jungen) Menschen, steckt der Wurm mittlerweile im Bildungssystem selbst. Zumindest in Österreich. Die allgemeine Lesefähigkeit ist löchrig, die Stimmung madig. Das bibliophile Insekt müsste Kindern und Schülern erst wieder zum positiven Vorbild werden. Also warum nicht den freundlichen, allbekannten Wurm nehmen, ihn zur Identifikationsfigur einer neuen Lesekultur aufbauen und alsbald ein Buch futtern lassen? Als "Raupe Nimmersatt" in der nächsten Auflage, speziell für den österreichischen Markt. Gestanzte Löcher im Buch waren 1969 ein Novum, Wissenslöcher sind es mittlerweile leider nicht mehr. Beißen wir uns gemeinsam durch.

Eric Carle: Die kleine Raupe Nimmersatt. Gerstenberg, 32 S., ? 16,90


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