Fragen Sie Frau Andrea

Premiumsprudel im Diskursdepot

Kolumnen | aus FALTER 50/10 vom 15.12.2010

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

neulich war ich mit Wiener Freunden in einem kleinen Lokal, dessen Namen ich vergessen habe. Alles dort war spartanisch. Die Sessel waren aus Sperrholz und hatten Löcher. Nicht einmal das Cola hatte einen Namen. Jetzt habe ich hier auf Fäsbuch ein Bild gesehen, wo diese Tische drauf waren. Mit dem Cola. Bitte, wie heißt das Lokal und wie das seltsame Cola?

Gerald Kern, Salzburg, per Gesichtsbuchdirektnachricht

Lieber Gerald,

gewiss jausneten Sie im Café Depot in der Breite Gasse 3, schräg gegenüber vom westlichen Durchgang zum Museumsquartier. Hier hat die Diskurswerkstatt Depot ihr Zelt aufgeschlagen. Der "Offene Raum zur Herstellung kritischer Öffentlichkeit" wurde in den 90ern von Stella Rollig (ursprünglich im MQ) gegründet und später vom grünen Kultursprecher Wolfgang Zinggl weitergeführt.

Hunderte Kulturschaffende und Diskursbegleiter haben im Depot vor und mit qualifiziertem Publikum debattiert, Leute vom Range Gudrun Axeli-Knapps, Ghislaine Boddingtons und Umberto Galimbertis, von jenem Rupa Huqs und Per Platous. Der straßenseitige Raum des ehemaligen Möbelgeschäfts wird als rauchfreies Berlin-Mitte-Café geführt, man sitzt auf Roland Rainers berühmten Stadthallensesseln an No-Design-Tischen aus MDF-Platten. Für Nikotinisten gibt es Leih-Ponchos.

Das Cola, das Sie tranken, war Sprudel der deutschen Marke Premium. Die Avantgardelimonade wird von einem Non-Profit-Kollektiv um den Kölner Langzeitstudenten Uwe Lübbermann produziert, nachdem Afri-Cola, die Lieblingsbrause der Clique, einen Geschmackswechsel vorgenommen hatte. Markenzeichen von Premium ist das reduzierte Flaschendesign: ein weißer Kronkorken und ein schlichtes schwarzes, logoloses Etikett, auf dem in kleinen Buchstaben Lübbermanns Hamburger Privatadresse und Zutaten vermerkt sind: Wasser, Zucker, Kohlen- und Phosphorsäure, Koffein, Aromen und die moralischen Ingredienzen "Geschichte, Kraft, Geschmack, Aufrichtigkeit, Konsequenz und Leben". Premium Cola schmeckt wie Schulskikurs 1975 mal DDR vor der Wende und hat mit 250 mg/l eine besonders starke, gerade noch erlaubte Koffeindröhnung. Das puscht knapp sechsmal so heftig wie normales Cola.


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