Kritik

Ärzte ohne Grenzen: Essen bei Freunden

Lexikon | aus FALTER 51/10 vom 22.12.2010

Der deutsche Dramatiker Roland Schimmelpfennig greift für sein neues Stück "Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes" auf eine szenische Standardsituation zurück: das Abendessen unter Freunden. Das Ärztepaar Martin (Peter Knaack) und Karen (Caroline Peters) war sechs Jahre auf Hilfseinsatz in Afrika, seine daheim gebliebenen Kollegen Liz (Christiane von Poelnitz) und Frank (Tilo Nest) haben inzwischen eine Kleinfamilie gegründet. Jetzt wird Wiedersehen gefeiert, aber das geht gründlich schief. "Es war eine komplette Katastrophe", fasst Frank den Abend gleich im ersten Satz bündig zusammen. Die Figuren werden die Handlung im weiteren Verlauf des Abends immer wieder retrospektiv kommentieren; der Dialog wird zu diesem Zweck einfach mitten im Satz angehalten. Wie sich herausstellt, hatten sowohl Martin als auch Karen in Afrika außerehelichen Sex; Aidstest haben sie keinen gemacht. "Und jetzt weiß keiner, wer sich bei wem." Außerdem hat das Paar ein kleines afrikanisches Mädchen unter seine Fittiche genommen, dessen Zukunft jetzt äußerst unsicher ist.

Wie bei seinem preisgekrönten Globalisierungspuzzle "Der goldene Drache" im Vorjahr hat Schimmelpfennig auch hier selbst inszeniert. Gemeinsam mit Bühnenbildner Johannes Schütz wählte er eine puristische Form: Gespielt wird auf einem schmalen Bühnenstreifen, vor einer weißen Wand. Und es wird sehr gut gespielt; alle vier Darsteller lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie einander nur etwas vormachen. Das ist oft ziemlich witzig, manchmal etwas unheimlich - und gegen Ende auch zunehmend nervig. Von verschiedenen Lebensentwürfen und Beziehungsproblemen bis zur Gutmenschenproblematik und dem Nord-Süd-Konflikt: Es steckt viel drin in diesem Stück. Es kommt aber zu wenig dabei raus. WK

Akademietheater, 27.12., 19.30, 3., 11.1., 20.00


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