Kritik

Raimund aus dem Museum: Posse mit zu viel Gesang

Lexikon | Martin Lhotzky | aus FALTER 51/10 vom 22.12.2010

Man muss nicht zwei Jahre in Paris gewesen sein, um die neue Inszenierung von Ferdinand Raimunds romantisch-komischem Original-Zauberspiel "Der Alpenkönig und der Menschenfeind" (1828) mit viel zu viel Gesang am Volkstheater befremdlich zu finden. Immerhin: Anders als zuletzt bei der wirren Badener Sommertheateraufführung unter Jérôme Savary wuseln hier keine Avatarschlümpfe herum. Regisseur Michael Schottenberg lässt Bühnenbildner Hans Kudlich für seinen Blick auf die Umtriebe und letztliche Läuterung des paranoiden Menschenfeinds Rappelkopf einen nicht uninteressanten Rahmen für die Posse bauen - im Wortsinne: Innerhalb bühnenhoher Goldborten entspringen die einzelnen Szenenkulissen Gemälden in einem Museumssaal. Der Alpenkönig ist hier Nachtwächter, den Thomas Kamper als meist blinden, aber hellsichtigen Moralapostel öfter mal durch die Seitentüren hereinschauen und seine Weisheiten deklamieren lässt. Sein Geisterheer sind, warum auch immer, Vermummte in langen, schwarzen Staubmänteln.

Den irren Rappelkopf gibt Andreas Vitásek wie gewohnt an diesem Hause: Unverfroren outriert er, wirft sich in fröhliche Posen, zerzaust sein Haar. Da Rappelkopf - und folgerichtig, wenn der Alpenkönig dann zwecks Anschauungsunterricht diese Rolle übernimmt, auch jener - stets in Pyjama und Hausmantel herumläuft und sowohl sein Salon als auch die Köhlerhütte, in die er kurzfristig vor der Menschheit flieht, aus pseudoexpressionistischen Bildern hervorwachsen, drängt sich der Verdacht auf, dass wir hier eine Innenansicht von Rappelkopfs irrem Geist erhaschen. Nette Idee, geht aber mit Raimunds kaum verändertem, wenn auch stark gekürztem Text oft nicht zusammen. Richtig fies wird es aber, wenn die Schauspieler singen - das können sie nämlich gar nicht.

Volkstheater, 25., 26.12., 5., 6., 8.1., 19.30, 9.1., 15.00


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