Tipp

Kein politischer Missbrauch, bitte!

Lexikon | aus FALTER 51/10 vom 22.12.2010

Über das Buch "Antisemit!" diskutieren Moshe Zuckermann (der Autor) und Margit Reiter (Institut für Zeitgeschichte, Uni Wien).

Antisemitismus ist eine der niederträchtigsten Formen moderner Ideologien. Das muss nicht mehr bewiesen werden. Und die Ächtung von Antisemitismus ist zweifellos eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Sehr problematisch und alles andere als dienlich wird es aber, wenn ein vermeintlich kritischer Diskurs politisch missbraucht wird. Der Vorwurf des Antisemitismus diene israelischen Lobbys als Instrument, ihre Gegner mundtot zu machen, notwendige Debatten im Keim zu ersticken. Moshe Zuckermann wagt es, die aktuelle Entwicklung kritisch zu analysieren. In seinen Augen ist die Verwendung des Antisemitismus-Vorwurfs zu einer fürchterlichen Epidemie geworden. Ob man dieser Epidemie Einhalt gebieten kann, wird sich erst zeigen. Die Vorstellung, geduldig zu warten, bis sich diese Ideologie von selbst zerstört, ist der falsche Weg. Zu viel steht auf dem Spiel, zu desaströs wären die Folgen auf vernünftige Bestrebungen der Gegenwart. Und oftmals kommen gerade jene zu Schaden, die die historisch Verfolgten und ihre Nachkommen "beschützen" wollen; nicht zuletzt durch das Selbstverschulden derer, die sich im Wohlgefühl einer Solidarität baden, die keine ist und ihrem Wesen nach auch niemals eine sein kann.

Der Autor wurde 1949 in Tel Aviv geboren und ist Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv. Als Sohn polnischer Holocaust-Überlebender entschloss er sich nach zehnjährigem Aufenthalt in Deutschland mit 20 Jahren zur Rückkehr nach Israel. Er gilt als profunder Kritiker israelischer Politik und tritt für eine Zweistaatenlösung des israelisch-palästinensischen Konflikts ein. SK

Institut für Zeitgeschichte, 10.1., 19.00


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