Kritik

Rostige High-Heels für die Venus im Pelz

Lexikon | Matthias Dusini | aus FALTER 51/10 vom 22.12.2010

Derzeit läuft eine Retrospektive der Wiener Künstlerin Birgit Jürgenssen (1949-2003), deren Wertschätzung erst nach ihrem Tod einsetzte. Die Schau präsentiert die Serie von Hausfrauen-Zeichnungen der frühen 70er-Jahre, die vom politischen Zeitgeist bestimmt sind: Kniende Frauen schrubben mit Männerpuppen den Boden. Jürgenssens zentrales Thema ist das Selbstbildnis, das sie in Zeichnungen und Fotografien durchspielt. Sie posiert vor dem Spiegel in an Kinofilme der 50er-Jahre erinnernden Damenkostümen, probiert in den Glamrockjahren androgyne Frisuren aus, die dem Geschlechterthema eine stylishe Komponente verleihen.

Die Saaltexte betonen eine politische Lesart ihrer Kunst. In Serien wie "Totentanz" (1979/80) wird aber auch das Bemühen spürbar, Themen der Kunstgeschichte durchzudeklinieren. Sie war eine gute Schülerin: Während einige Kolleginnen ihren Körper öffentlich verletzten, übte Jürgenssen Zeichnen à la Michelangelo. Auch in den "Körperprojektionen" (1987) erkennt man den Willen zur Komposition. Bei den Surrealistinnen stößt die Künstlerin auf das Fetischmotiv Fell, das in zahlreichen Varianten zum Einsatz kommt. Den Höhepunkt der Schau bildet die Serie von Stöckelschuh-Adaptionen. Diese Symbole körperlicher Zurichtung sind mal aus einem Vogelkörper, mal aus Rost gemacht. Schmerz und Lust so vereint, könnten sie auch aus einer Kollektion von 2010 stammen. Die meisten Werke kommen aus dem Nachlass, haben also keine Ausstellungsgeschichte, keinen Kontext, den es zu rekonstruieren gälte. Jürgenssens Zusammenarbeit mit der Gruppe "Die Damen" wird kaum erwähnt. Die Ausstellung erzeugt dadurch einen etwas künstlichen Eindruck: als würde posthum eine große Künstlerin konstruiert.

Bank Austria Kunstforum, bis 6.3.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige