Neu im Kino

"In ihren Augen" - Die Geister der Vergangenheit

Lexikon | Gerhard Midding | aus FALTER 51/10 vom 22.12.2010

An den letzten beiden Oscar-Preisträgern in der Kategorie "Bester Auslandsfilm" verblüfft nicht nur, dass sie hochmögende Konkurrenten aus dem Rennen warfen. Ihre Herkunft müsste sie dem gediegen-humanistischen Geschmack der Akademiemitglieder eigentlich höchst verdächtig machen. Yojira Takitat, der Regisseur von "Nokan", verdiente früher sein Geld mit Soft-Core-Pornografie. Und der Argentinier Juan-José Campanella hat zuvor zahlreiche Episoden von TV-Serien wie "Law & Order" inszeniert.

Mithin ist er vertraut mit Kriminalfällen, hinter denen etwas anderes steckt, mit Indizien, die plötzlich in eine unvermutete Richtung weisen. Im Zentrum von "In ihren Augen" steht ein Verbrechen, das längst aufgeklärt ist. Der pensionierte Justizbeamte Benjamin Esposito (Ricardo Darin) will einen Roman schreiben, in dem er die zentrale Episode seines Lebens erneut aufleben lassen will. Vor einem Vierteljahrhundert jagte er mit seinem hellsichtig-trinkfesten Kollegen Pablo (Guillermo Francella) den Mörder und Vergewaltiger einer Lehrerin. Ihre engste Verbündete war die junge Richterin Irene (Soledad Villamil), mit der Benjamin eine uneingestandene Liebe verbindet.

Campanella schildert den allegorischen Heilungsprozess eines Landes, das damals auf dem Weg zur Militärdiktatur ist. Der Handlungsspielraum der Helden ist extrem begrenzt; der große Kameramann Félix Monti drängt sie oft an den Rand seiner Cinemascope-Kompositionen. Campanella erzählt in langsamem, umsichtigem Rhythmus von den Bedingungen der Wahrnehmung: Die revidierte Perspektive und die Erneuerung des ersten Blicks offenbaren die wahren Zusammenhänge. Das Fortdauern der Vergangenheit filmt Campanella mit hoffnungsvoller Melancholie; im Kern ist sein Krimi ein Liebesfilm.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Filmcasino)


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