Theater Kritik

Stummfilmtheater aus der Textmaschine

Steiermark | Hermann Götz | aus FALTER 51/10 vom 22.12.2010

Vor Jörg Albrecht ist niemand sicher. Helmut Berger nicht und auch nicht Franz Fuchs. Die Prothesen, die der eine hat und der andere nie haben wollte. Und die falschen Hände, die man angeblich dem Stummfilm-Pianisten Orlac annäht. Die haben übrigens dem Mörder gehört. Aber vielleicht hat sie auch ein Mörder weggesprengt. Lernen Sie Geschichte.

Noch bevor er zum Stadtschreiber wurde, war Jörg Albrecht in Graz mit seiner Deutschlandtextoper "Berlin Ernstreuterplatz" vorbeigekommen, einer Collage aus Fertigtextfabrikaten, die Fassbinder samt Riefenstahl & Speer über den monumentalen Kreisverkehr der jüngeren deutschen Geschichte jagte. In "Orlac Hand Out" ist das Ensemble, das seine wildwuchernde Assoziationsdramatik bevölkert, dem Grazer Publikum vielleicht vertrauter. Dann wird auch das System besser greifbar, nach dem man hier vor und immer weiter geht. Form follows function. Die Flut der Inputs, die unser mentales Leben prägen, wird von Jörg Albrecht lose geordnet und in dramatische Fragmente kanalisiert, die zum Endlosmedley vernetzt vor allem von sich selbst erzählen. Von der Frage: Was ist echt? Was ist authentisch, was ist Wirklichkeit, und was ist wirklich nur ein Spiel? Wo ist neuer Text? Und wie sind echte Hände? In Albrechts Dramatik erleben die Worte und Bilder ein permanentes Morphing.

Nur die Darsteller sind zuweilen fehl am Platz in ihrer menschlichen, allzu menschlichen Präsenz. Dabei stehen mit Janna Horstmann, Steffen Klewar (Schauspiel und Regie) und Anna Rot drei bühnen- und filmgeeichte Profis für die Textumsetzung gerade, sie spielen und singen (Musik: Matthias Grübel) sich im klug verspielten Raum von Silke Bauer um Kopf und Kragen. Schön, aber ganz schön anspruchsvoll.

Theater am Lend, 19., 21. und 22.1.2011, 20.00


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