Tanztheater?Kritik

Händel und die United Colors of Benetton

Steiermark | Herbert Schranz | aus FALTER 51/10 vom 22.12.2010

Wie Würmer kriechen die Tänzer zu Beginn von Darrel Toulons Inszenierung von Händels "Messiah" an der Oper Graz eine Treppe hinunter. Wie Zombies bewegen sie sich, bis ihnen eine Erlöserfigur (Previn Moore) aus einem Einkaufswagen Kleidung in den Benetton-Farben vorsetzt.

Nichts als "arme Würmer" waren die Geisteskranken der damaligen Dubliner "Irrenhäuser", denen die Gewinne der Uraufführung des "Messiah" im April 1742 zukamen - auf Initiative Jonathan Swifts, des Dekans der St. Patrick's Kathedrale. Ein Volk von Würmern ist Israel vor der Erlösung durch Christus. Auf zweifelhafte, fröhlich kapitalistische Erlösung weisen aber Toulons Benetton-Farben hin, denen die faden Kleider des Chors gegenüberstehen, die hier das Establishment umkleiden. Die Kamera führende Altistin Dshamilja Kaiser lässt mediale Aufblähung als weiteren Irrweg zum Glück erscheinen.

Mit dem großartigen Tenor Previn Moore aus Cincinnati wird eine Spiritualschicht eingeführt, die durch eine Bühnencombo mit Schlagzeug, E-Gitarre, -Bass und -Piano mitgetragen wird. Händels Musik ließ sich wunderbar in diese Sphäre heben und wirkte in ihr sogar weit stärker als im traditionellen Grazer Philharmonischen Orchester, das mangels Barock-Erfahrung unter Tecwyn Evans einen eher matten Beitrag lieferte. Barockoper wird ja von den Spielplänen geschnitten. So verfügen von den Sängern auch nur Wilfried Zelinka (Bass) und Dshamilja Kaiser über sehr solide Barockmusik-Kenntnisse. Die Tanzkompanie der Oper Graz agiert in Toulons Choreografie stark individualisiert und zeichnet, zum Teil verworren, die Entwicklung der menschlichen Lebenskomponenten nach: erlangtes Selbstbewusstsein, Liebe, Eifersucht, Schuld, Krieg, bis hin zur himmelwärts führenden Erlösung.

Oper Graz, Mi 22.12., 19.30


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige