Meinesgleichen

Kein gutes Wort des Jahres 2010: Fremdschämen

Falter & Meinung | aus FALTER 51/10 vom 22.12.2010

Die Begründung der Grazer Jury ist ausführlich: "Dieses Wort beschreibt Empfindungen, die auftreten, wenn jemandem die Verhaltensweisen einer anderen (meist bekannten) Person oder Gruppe so peinlich sind, dass man sich für diese schämt, während dies bei der betreffenden Person gerade nicht der Fall ist. Angesichts des Verlusts an Qualität in vielen Bereichen (Bildung, Verwaltung, Krankenwesen usw.) und der Stagnation in der heimischen Politik verschiebt sich das Verantwortungsgefühl auf die einzelnen Bürger, die sich für die Zustände und die dafür Verantwortlichen immer öfter genieren (fremdschämen), obwohl die Lösung nicht in ihren Händen (?) liegt (?). Zum Wort des Jahres wurde es, da es auf ein weit verbreitetes Unbehagen verweist und als Wortschöpfung originell ist: ein durch ein Adjektiv bestimmtes Verb, das eine neue Art des (kollektiven) sich Schämens für andere bezeichnet."

Leider ist die Begründung schlecht. Wie ihr selbst zu entnehmen ist, heißt das besser geeignete Wort: sich genieren. Fremdschämen sagt, dass man sich der Scham ganz entfremdet, weil andere deren Ursache sind. Man weist damit seinen eigenen Anteil an dieser Scham zurück, man mag mit ihr nichts zu tun haben. Das mag der Realität entsprechen. Scham kann aber von dem, dessen sie sich schämt, nicht getrennt werden. Fremdschämen ist also eine unsinnige Wortbildung. Ich geniere mich für die Jury; 2009 war sie besser: Da kürte sie den "Audimaxismus" zum Wort des Jahres.

Quelle:

Die Forschungsstelle Österreichisches Deutsch existiert an der Uni Graz und kürt jährlich das Wort und das Unwort des Jahres: www.oedeutsch.at


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