Kommentar?

Das Wiener Stadtzentrum verödet zur Luxus-Mall

Kulturwirtschaft

Falter & Meinung | Matthias Dusini | aus FALTER 51/10 vom 22.12.2010

Ein Irrtum wurde korrigiert. Das Kunstforum Bank Austria verschwindet doch nicht in der geplanten Shopping-Mall auf der Tuchlauben, sondern behält seinen Standort auf der Freyung. Zu der Idee war es gekommen, als der Bank-Austria-Eigentümer UniCredit beide Gebäude an Rene Benkos Signa-Holding verkaufte. In der Seitengasse hätte die Kunsthalle ihre architektonische Signalwirkung verloren. Der Sinneswandel setzte ein, als die Direktorin Ingried Brugger die Bilanz der Frida-Kahlo-Schau vorlegte: 350.000 Besucher.

Die Banken formen die Stadt nach ihren Renditewünschen. Am Donaukanal stehen die Raiffeisen-Hochhäuser Spalier. Die Innenstadt wird derzeit zum Luxusquartier umgebaut, an der Ringstraße reiht sich ein Nobelhotel an das nächste. Die Rettung des Kunstforums lässt ein Umdenken der Investoren erkennen: Weihnachtsmärkte und Boutiquen sind kein Ersatz für eine kulturelle Infrastruktur. Eine Albertina ist zu wenig für all die neuen Shangri-Las und Nouvel-Hotels. Das Ausmaß der Bautätigkeit in Wien erinnert schon an die Ringstraßenzeit. Wo aber ist ein dem Mäzenatentum der liberalen Großbürger vergleichbares kulturelles Engagement zu finden?

Viellecht bei der Kunstsammlerin Francesca Habsburg? Sie verlegt ihren Kunstraum Thyssen-Bornemisza von der Innenstadt in den Schweizergarten, in die Nachbarschaft des 20er Hauses. Die architektonische Hülle kauft sie in Berlin; es ist ein von Adolf Krischanitz gestalteter Container, der zerlegt und in Wien wieder zusammengeschraubt wird.

Dieser Schritt kann auch so gedeutet werden: Wer Geld und Geschmack hat, verlässt das zur Shopping-Mall verödete Zentrum.


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